mitten im wald lettlands

Zwei Wochen sind vergangen seitdem mich Clare in dem militärgrünem klapprigen VW-BUS abgeholt hat und wir damit mitten durch den Wald zum Haus „Rostes“ (rostig) getuckert sind. Als erstes begrüßt mich Edgars, mit Sägespänen übersät und kurz später Ozzie, der mit seinen großen blauen Augen interessiert guckt und von seiner Mama „Pata“ (Nudeln) verlangt.
Clare und Edgars haben sich vor vielen Jahren unterwegs getroffen – Sie waren beide auf Reisen als sie sich in einer Bar in Spanien kennen gelernt haben. Obwohl Clare kurz später nach Norwegen gezogen ist, haben die beide Kontakt gehalten und Clare ist Edgars ein Weihnachten spontan besuchen gekommen. Sie haben sich ineinander verliebt und sind zuerst in die Nähe der russischen Grenze gezogen, vor 4 Jahren haben sie dann das Haus in der Nähe von Ainazi gefunden. Einst ein vier-Familienhaus für Baumfäller mit ihren Familien, ist der obere Teil nun zu einer großen Wohnung umgebaut und die beiden unteren Wohnungen sind jeweils die Werkstätten von Clare und Edgars: eine Töpferwerkstatt, eine für den Bau von Schneeschuhen, ein großer Raum mit Webstuhl und ein Musikzimmer, wo sie Instrumente von ihren Reisen aus aller Welt versammelt haben.

Clare zeigt mir das Gelände nahe des Flusses Salacgriva, der bekannt ist für sein reiches Lachsvorkommen und die imposanten roten Sandsteinklippen. Die 3 Ziegen und 2 Zicklein sind mit Gras fressen beschäftigt und die Hühner gackern in ihrem Stall – leider dürfen sie gerade nicht raus weil sie dem Fuchs zu leichte Beute bieten. Schon am ersten Tag lerne ich ein paar Wildkräuter kennen, die wir als Salat essen und ich erfahre, dass man zu dieser Zeit im Frühling ausschließlich Birkensaft trinkt, der sobald die Bäume den Saft aus den Wurzeln zur Blätterproduktion nach oben ziehen, abgefangen wird. Leicht süßlich durch den Birkenzucker und erfrischend kalt ist das Getränk – faszinierend, wie sich innerhalb weniger Stunden ein 5-Liter-Gefäß füllt.

Nach einer unglaublich entspannten Nacht wache ich morgens auf und während Edgars das Frühstück vorbereitet, kräht Ozzie am Tisch fordernd „Papita!“, was Pfannkuchen bedeutet. Wir frühstücken Pfannkuchen mit selbst gemachter Marmelade, dem Honig der eigenen Bienen oder herzhaft mit Mayo und Cheddar – Mayonnaise gehört in Lettland zu jeder Mahlzeit dazu. Dazu gibt’s einen selbst gemahlenen Kaffee und Milch von dem Kühen des Nachbarn. Meine tägliche Aufgabe ist es, die Hühner und Ziegen morgens zu füttern und Grünzeug für alle zu sammeln. Die Hühner stürzen sich auf alles Grüne, was ich ihnen bringe und täglich sammel ich 6 bis 9 Eier ein, alle unterscheiden sich in Farbe, Größe und Form. Meine Tage füllen sich mit abwechselnd Ställe ausmisten oder Gemüse anbauen.

Am dritten Tag passiert etwas unerwartetes: die zwei kleinen Schweinchen sterben an Tetanus und Clare ist ziemlich traurig darüber. Obendrein ist dies der Tag, an dem der Ziegenbock „Billy“ geschlachtet wird und wir taufen den ungewöhnlich düsteren Tag „death day“. Billy liegt am nächsten Abend zwischen Gemüse und Weinsoße duftend auf dem Teller und alle sind sich einig, dass er über den Tod hinaus gute Dienste leistet. Das Wochenende verbringe ich alleine im Wald, die Familie fährt zu einer Feier in den Süden Lettlands. Ich radle in die Stadt, hüte die Ziegen, spiele mit dem Hund Pedro und widme mich dem Schnitzen eines Löffels aus Birkenholz. Die Zeit vergeht schnell und Sonntag abend kehren alle wieder ein. Kurz später kommt auch Maddy aus Colorado an, die gerade ein Auslandsemester in Tartu macht und eine Woche verbringen wir zu zusammen in Rostes. Die Arbeit geht nun noch schneller von der Hand und die Zeit rauscht nur so dahin, so dass die Tage verfliegen und unser letztes Wochenende ansteht.

Clare hatte schon im Vorfeld Freunde eingeladen und Clares Mutter ist am Donnerstag nachmittag aus Florida angereist. Wir bereiten ein Festmahl vor und schlagen uns Samstag und Sonntag Abend die Bäuche voll und zur Feier des Tages gibt es sogar eine Lemontarte, obwohl Clare und Edgars eigentlich versuchen sich größtenteils zuckerfrei zu ernähren. Wir machen ein großes Feuer und geniessen unsere letzten Abende, als es Montag Morgen auch schon Zeit wird, weiter zu reisen. Maddy und ich wollen zusammen nach Tartu trampen und obwohl wir direkt an der Grenze heraus gelassen werden gestaltet sich unser Vorhaben schwieriger als erwartet. Dann hält aber endlich ein beiger VW-Bus und der Fahrer ist ein Schweizer auf dem weiten Weg in die Mongolei, der seine Reise vor zwei Wochen begonnen hat. Wir unterhalten uns nett mit ihm und ich kann ihm sogar ein paar Tipps für seine Reise geben, da er fast die gleiche Route nehmen will wie wir vor anderthalb Jahren – nur anders herum.

Weitere drei Autos später kommen wir in Tartu an und ich verbringe eine Nacht bei Maddy in der Studenten-WG bevor ich am nächsten Tag in ein gemütliches Hostel umziehe… Und dann stehe ich auch schon wieder aufgeregt am Straßenrand und bin gespannt, wer mich bis nach Viljandi, meinem nächsten Ziel, mitnimmt.