von der donau zur duna

Die ersten Landesgrenzen haben wir nun endlich überschritten. Österreich durchpaddelten wir von Ost nach West, anschließend die Slowakei bevor sich die Donau nach Süden durch Ungarn schlängelt. Hatten wir doch oft das Gefühl in Deutschland und Österreich ist die Donau eingezwängt und gezähmt durch hohe Dämme und Staumauern, folgt mit dem Grenzübetritt in die Slowakei endlich das Gefühl auf welches wir so gespannt waren. Die Landschaft verändert sich, der Fluß ist nicht mehr eingeengt sondern hat eine natürliche Uferböschung, wir haben wieder das Gefühl von der Strömung ein wenig getragen zu werden und auch die Sprache ist anders. All das lässt das „Urlaubsgefühl“ welches sich in Deutschland und Österreich in den ersten Wochen eingeschlichen hat verschwinden und das Ausmaß der Reise wird uns mit jedem Meter deutlicher.

Nicht nur unser Gefühl ändert sich mit der Zeit, sondern auch die bevorstehende Herbstzeit mit den herabfallenden Blättern und das Rauschen des Laubs schleicht sich langsam ein, gab es doch schon den ein oder anderen Tag den wir nicht oberkörper frei auf dem Fluß paddeln konnten. Im Gegenzug mehren sich aber auch die Abende an denen wir uns am Feuer die Füße wieder aufwärmen.

Nach dem ersten Monat auf See steht die Rollenaufteilung in Kapitän und Smutje und die Arbeitsabläufe gehen Hand in Hand. Unsere täglich wachsenden Oberarme lassen den Bug von Fortwienix durch die Wellen pflügen und bringen uns mit rasender Geschwindigkeit dem schwarzen Meer entgegen.

Die traute Zweisamkeit wird immer weniger gestört je weiter wir gen Osten kommen. Die Angler am Ufer treten sich nicht mehr gegenseitig auf die Füße und dem Schiffsverkehr gehen wir so gut es geht aus dem Weg indem wir die künstlich angelegten Kanäle für Frachter und Fähren meiden und die natürlich laufenden Nebenarme benutzen. Dort gibt es besonders schöne Plätze zum Zelten, wir müssen nicht auf den kleinen Rand der Wiese neben dem Donauradweg ausweichen und können die Ruhe, das Zwitschern der Vogel und das Rauschen der Wellen ungestört geniessen.

Ganz anders ist es allerdings wenn wir durch größere Städte fahren. Da fallen uns umso mehr der Lärm, die Geschäftigkeit und der Trubel auf. Mit den letzten Besorgungen, die wir in Wien getätig haben, den vielen Eindrücken und besonders der Gastfreundschaft von Elena und Andy sind die Tage trotzdem verflogen. Wir haben den deutschsprachigen Raum verlassen um für ein paar Tage noch einmal die Ruhe und die Einsamkeit der Duna aufzusaugen bevor uns der Lärm, die Geschäftigkeit und der Trubel von Budapest wieder in ihren Bann nehmen.

die reise beginnt

Es wird einem erst richtig bewusst, dass es bald losgeht, wenn man anfängt Abschied zu nehmen: das letzte Mal Falafel essen, Familie & Freunde das letzte Mal sehen und drücken, das letzte Mal im heimischen Bett schlafen – ein mulmiges Gefühl, was sich kaum beschreiben lässt. Nachdem wir so lange darauf gewartet und so oft davon geredet haben, erscheint es unwirklich, dass nun der Punkt ist, an dem nun wirklich alles beginnt.

Der Wecker klingelt nach einer schlaflosen Nacht und mit gemischten Gefühlen steigen wir schlaftrunken in den Bulli, der uns samt Kanu zu unserem Startpunkt in Regensburg bringt.

Kilometer 2380. Mit den ersten Paddelstichen fällt auch der Stress der letzten Tage von uns ab, wir geniessen das Plätschern unter uns, bestaunen Regensburg mit seinen imposanten Domtürmen und einige Kilometer später Walhalla (einen griechischen Tempel hoch über dem Fluss) und ein großer Krähenschwarm fliegt über uns hinweg. Wir bleiben den ersten Abend auf einer kleinen Insel mittem auf dem Fluss, geniessen das noch ungewohnte Gefühl, das bisherige Leben für das Unterwegssein hinter uns gelassen zu haben und sortieren unser Gepäck neu.

Die Wellen der Fähren oder Frachtschiffe lassen uns das ein oder andere Mal das Herz in die Badehose rutschen, aber Fortwienix hält tapfer die Nase oben und trägt uns sicher den Fluss hinunter. In Deutschland sind viele Sportboote unterwegs, die bei dem heissen Wetter das Lenken für Kringel zur Herausforderung machen, weil ständig von allen Seiten Wellen auftauchen. Die einsamen Passagen des Flusses geniessen wir umso mehr. Kleine Fische umspielen unser Kanu, wir können einen Biber beobachten, der kraftvoll direkt neben uns ins Wasser springt und eine Eule fliegt fast lautlos eines abends über unseren Schlafplatz hinweg.

Morgens starten wir mit Beerenmüsli und selbst gepflückten, wunderbar süßen Äpfeln und Cowboykaffee in den Tag, während die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bäumen hervor blinzeln. Wir paddeln den Tag über, machen unsere wohl verdiente Mittagspause (Erdnussbutterbrote mit Apfelscheiben und Studentenfutter) auf dem Fluss und abends fangen wir beim Baden im Flusswasser und Kochen die letzten Sonnenstrahlen ein. Müde von den vielen neuen Eindrücken des Tages fallen wir in unsere Schlafsäcke und träumen sogar schon manchmal von dem Schaukeln des Kanus, was uns den Tag über begleitet.

An den Schleusen hatten wir bisher schon einige Male das Glück, mit Frachtern oder Passagierschiffen durch die Schleusentore zu fahren und das Boot nicht mühsam umtragen zu müssen. Während wir mit einem kleinen Sportboot in der Schleuse warteten, haben wir die beiden interessierten Urlauber darin kennen gelernt und von ihnen einige Lebensweisheiten mit auf den Weg genommen.

Sogar ein paar dramatische Situationen haben bisher unseren Weg gekreuzt und dafür gesorgt, dass wir das Gefühl haben, schon viel länger als eine Woche unterwegs zu sein. Zu diesen gehören Wellen, die uns morgens unsanft wecken weil sie uns fast samt unseres Lager weg spülen; oder ein Angelhaken, der sich auf unglückliche Art und Weise in einem Bein verhakt; ein Gewitter, welches die Zeltwand bis auf unsere Nase drückt; die Erkenntnis, dass unser Bootswagen einen Platten hat und wir bei 30 Grad im Schatten eine kilometerlange Umtragestelle vor uns haben – nur ohne Schatten – bis hin zu experimentellen Methoden das Kanu umzutragen und sich dabei fast mehrere Rippen zu brechen.

Im Kontrast dazu stehen aber auch die vielen wunderschönen Momente und Menschen denen wir auf Reisen begegnen und vor allem das Gefühl unterwegs zu sein und sich nicht mehr Gedanken machen zu müssen als was wir abends gerne essen möchte oder an welchem Ort wir unser Zelt aufbauen möchten. Deshalb haben wir uns auch für die „einfache“ Art des Reisens entschieden.

Auch wenn es erst 2 Wochen sind, lernt man die Kleinigkeiten wieder zu schätzen und merkt wie wenig es doch braucht. Seien es die frisch gepflückten Brombeeren im Frühstücksmüsli oder ein Stück von der verbliebenen Nuss-Krokant Schokolade nach einem anstrengendem Tag auf der Donau.

Inzwischen haben wir die ersten 420km hinter uns und Zeit gefunden die ersten Zeilen zu schreiben, da wir durch einen Dauerregen im Zelt gefangen gehalten werden. In 5-6 Tagen erreichen wir hoffentlich Wien, von wo aus es dann nicht mehr weit bis zum Balkan ist.

Gut Pfad!