endlich auf dem mond – ach nee, im pamir gebirge

Gierig vor Hunger schaufeln wir das typisch kirgisische Gericht Laghman in uns hinein – wir sind nur ein wenig erstaunt, dass das Restaurant leer ist und ahnen in unserem Hungerrausch noch nicht, was diese Mahlzeit uns später noch beschert. Anschließend haben wir Glück und finden ein Auto, dass uns aus dem kleinen Dorf Kazarman bis nach Jalalabad mitnimmt.

Während der wackeligen Auf- und Abfahrt durch die Berge fängt Kringel an, ungewöhnlich ruhig und ganz grün um die Nase zu werden. Plötzlich ruft er „Please, stop the car!“, springt raus und eine halbe Sekunde später hört man ein Geräusch, als würde jemand einen vollen Wassereimer auskippen (aber es ist kein Wasser!!). In Jalalabad bauen wir mit letzten Kräften das Zelt auf und hängen die ganze Nacht lang abwechselnd unsere Köpfe aus dem Zelt, um das zuerst so lecker schmeckende Nudelgericht wieder los zu werden. Am nächsten Morgen kämpfen wir uns mit letzter Kraft weiter bis nach Osh, wo wir uns drei Tage zum Regenieren gönnen, schließlich werden uns die kommenden Tage viel Kraft und Nerven kosten…

Und dann geht’s weiter, ein riesiges Ziel vor Augen: das Pamir Gebirge. Von Osh aus fahren wir mit einem LKW, dessen Frontscheibe aus Scherben besteht und der sich so langsam die bergige Landschaft hoch quält, dass wir nebenher laufen könnten. Der zweite Lkw nimmt uns mit nach Sary Tash, von wo aus es kompliziert wird: kaum ein Auto kommt vorbei, wir warten lange und laufen viel. Letztendlich kommt doch ein Auto, wir quetschen uns zwischen Melonen, Gemüse und Haushaltsgeräte in das überfüllte Auto und werden von Farid und seiner Mutter über die Grenze von Tadschikistan mitgenommen.

Die Landschaft wird langsam immer karger und zwischen den kleinen Pflanzen flitzen die rotbraunen Murmeltiere mit ihrem puscheligen Schwanz hin und her, ab und zu sehen wir eine Horde Jaks mit ihren beeindruckenden Hörnern durch die Gegend trotten. Je höher wir kommen, desto seltener werden Pflanzen und Gräser und schließlich wirkt die Umgebung um uns herum wie auf dem Mond: Felsen, Staub, Berge, absolute Stille. Aber zugleich übt diese Atmosphäre auch eine unglaubliche Anziehungskraft aus, die runden Schatten der kleinen weißen Wolken klettern über die beige-braunen Berge und ziehen ihre Schatten langsam hinter sich her.

Wir verlassen das Auto mitten im Nirgendwo und während es dämmert bauen wir das Zelt auf. Es ist kalt und wir wachen gerädert mit Kopfschmerzen und Übelkeit auf – kein Wunder, wir befinden uns auf knapp 4300 Metern! Wir schleppen uns an den Straßenrand und lümmeln herum während wir auf ein Auto warten. Ein kleiner Vogel macht eine Verschnaufpause auf Kringels Knie, aber angesichts unserer kläglichen Lage wirkt er mehr wie der Geier, der auf ein Festmahl hofft…

Ein Auto hält und wir fahren über den höchsten Pass auf 4650 Metern und kommen schließlich in die Stadt Murgab, wo wir von Männern bei der Heuernte herbei gewunken werden. Wir bekommen Plov, das traditionelle Reisgericht mit Aprikosen, angeboten und ein buntes kirgisisches Sitzkissen wird auf der Wiese für uns ausgebreitet. Wir unterhalten uns nett und entscheiden uns an dem Ort über Nacht zu übernachten, nachdem die Männer heim gefahren sind.

Einen Tag später erreichen wir die Kreuzung, wo die südliche Route des Pamir Highways uns entlang des Wachankorridors zu der Grenze Afghanistans führt. Nicht viele Autos kommen vorbei, aber während wir gerade einen Alternativplan schmieden, hält ein Auto und Anna und Mauro nehmen uns mit. Sie kommen aus Italien und Deutschland und machen Urlaub in Zentralasien. Wir fahren durch auf halber Höhe am Berg entlang, links von uns geht es steil bergab, die Straße ist holprig und das Auto wackelt, aber der Ausblick ist unbezahlbar!

Und siehe da, ganz plötzlich taucht in der Ferne ein grüner Fleck auf! Je näher wir kommen, desto klarer wird unsere Sicht: Das Tal entlang des Wachankorridors wirkt wie eine grüne Oase zwischen den hohen Bergen, entlang der Grenze zwischen Afghanistan und Tadschikistan. Die kleinen Dörfer sprühen vor Leben, die Straßenränder sind gespickt mit Sanddornbüschen, Weiden, Pappeln, Sonnenblumen und Anemonen. Wir blicken auf große Felder und Arbeiter bei der Ernte, Frauen waschen auf der Straße die großen, bunten Teppiche, so dass wir Slalom fahren müssen.

Aber die Menschen sind sehr freundlich, wir werden überall herzlich begrüßt und bekommen frisch gepflückte Äpfel aus den bunten Gärten geschenkt. In den heißen Quellen von Bibi Fatima entspannen wir uns, nur leider müssen wir auf den gespannt erwarteten Cross-boarder-Markt zwischen Tadschikistan und Afghanistan in Ishkashim verzichten, der nicht statt findet. Wir fahren immer weiter durch das grüne Tal, ab und zu erhaschen wir einen Blick auf den beeindruckenden Hindukusch mit seinen 7000 Meter hohen, schneebedeckten Bergen und nach drei Tagen in der Oase erreichen wir Khorog, wo wir zwei Tage verbringen, bevor wir uns wieder auf den Rückweg machen.

Wir gönnen uns mit zwei Franzosen ein Taxi bis Murgab, dann stoßen wir morgens auf zwei waschechte Tramper aus Russland, Luba und Kosta, die sogar einen Tramper-Anzug und einen speziellen Tramper-Rucksack haben! Wir schaffen es zu viert zu trampen und sind froh, dass die beiden mit den Fahrern reden können – wir kommen mit unseren wenigen Worten russisch oft nicht ganz so weit…

Dieser Tag soll der aufregendste werden, was das Trampen im Pamir angeht: Wir werden auf der Ladefläche eines Kohletransporters mitgenommen und als nächstes von einem Kleinbus, der vollgestopft ist bis oben hin, aber wir quetschen uns trotzdem noch rein und sind dann insgesamt 12 Leute, eine Menge Gepäck und ein Schaf. Am nächsten Morgen haben wir Glück: Sven und Jan sammeln uns mit ihrem angeschlagenen Volvo ein und nehmen uns die ganze lange Strecke bis nach Osh mit zurück…

umgeben von bergen, pferden und jurten

Nachdem wir uns bei Miras in Almaty eine längere Verschnaufpause gegönnt haben, brechen wir zu neuen Abenteuern auf. Unser nächstes Ziel ist der Charyn Canyon, auch genannt der „kleine Bruder des Grand Canyon“. Bevor wir los Trampen läd uns Miras noch zu einer besonderen Spezialität in Kasachstan ein: wir trinken Kumiß (vergorene Stutenmilch), Kamelmilch und essen die kasachische Spezialität Beschbarmak (Pferdefleisch mit Nudeln).
Miras und Emily, seine Freundin aus Deutschland, bringen uns zu einem guten Punkt und wir Trampen los. Als es bereits dunkel wird erreichen wir die Abzweigung zum Canyon, von dort aus sind es aber immer noch 23 km zu laufen.
Wir gehen bis wir müde werden durch die Dunkelheit und entschließen uns, das Zelt aufzuschlagen. Gerade als wir einen guten Platz gefunden haben, blitzen in der Ferne Scheinwerfer auf, ein Auto! Wir eilen zurück zum Weg und werden tatsächlich von einem Laster eingesammelt auf dessen Ladefläche wir bis zum Canyon mitfahren können, was ein Abenteuer! Der LKW kämpft sich steile Wege hinauf, rutscht auf der anderen Seite auf dem sandigen Boden wieder hinunter und schiebt sich zwischen engen Felsen hindurch in feinster Millimeterarbeit. Die atemberaubenden Felsformationen türmen sich höher und höher neben uns auf und wir genießen diesen besonderen Anblick von unserem wackligen Gefährt aus.

Es ist ein atemberaubender Anblick morgens im Canyon aufzuwachen, umgeben von vielen wirren rostroten Felstürmen und dem brausenden Charyn Fluss. Nach einer Wanderung durch die Schlucht trampen wir zu dritt, mit Marco aus Italien zur kirgisischen Grenze, was sich aber schwieriger als gedacht heraus stellt. Eine halbe Stunde vor Grenzschluss schaffen wir es auf die andere Seite und der Taxifahrer auf der kirgisischen Seite ist sich seines Wertes bewusst und verlangt dreist 100 $ für die knapp 120 Kilometer-lange Fahrt. Im ersten Moment halten wir es für einen Scherz, dann wird uns unsere Situation und das sich nährende starke Gewitter bewusst. Wir können zum Glück am Preis noch etwas verhandeln und machen uns auf den Weg nach Karakol.

Am nächsten Tag kommen wir erst spät aus Karakol los da es stark regnet. Das Trampen gestaltet sich schwieriger als bisher, da es hier nicht allzu geläufig ist und leider können wir uns mit unseren paar Worten russisch auch nicht besonders viel unterhalten. Wir fahren am Issyk Köl See entlang und werden von einem Mann mitgenommen, der doch ein bisschen Englisch spricht. Er lässt uns in einem kleinen Dorf raus und wir kaufen unseren Vorrat für die nächsten Tage ein. Als wir aus dem Dorf heraus laufen, grüssen uns die Kinder und wir haben Glück als ein mit polnischen Pfadfinden gefüllter VW Bus uns aufpickt und sogar bis zu unserem Ziel, dem Song Köl See mitnimmt.

Während wir Morgens unser Frühstück in Nähe des Sees zubereiten, bekommen wir Besuch von Talai auf seinem Pferd, der den Sommer über mit seiner Familie in einer Jurte am Issyk Köl See lebt. Er lädt uns ein, ihn und seine Familie zu besuchen und wir packen unsere Rucksäcke und wandern zu der Jurte, wo er mit seiner Frau und den 4 Kindern die drei-monatigen Sommerferien verbringt. Die Jurte hat einen niedrigen Eingang und ist mit Teppichen ausgelegt. Ein rotes Holzgerüst trägt die Aussenhaut aus Filz. und die Hutze über dem Loch in der Mitte des Daches kann man je nach gewünschtem Lichteinfall auf- oder zuziehen. Wir setzen uns auf bunte Decken mit traditionellen krigisischen Ornamenten, ein niedriger Tisch wird herein getragen und die Mutter überreicht uns mit einem goldenen Lächeln eine Schale mit schwarzem Tee. Wir bekommen frische Kumiß und Brot mit Blaubeermarmelade und Kaymak (Sahne) serviert. Wir unterhalten uns mit Händen, Pantomime und unseren paar Worten russisch und nachdem wir uns gestärkt haben, dürfen wir noch eine Runde mit Talais Pferd drehen.
Wir sind beschwingt von diesem besonderen Start in den Tag und treten unsere Wanderung um den auf knapp 3000 Meter liegenden Gebirgssee herum an. 25 Kilometer auf dem Schotterweg, kaum ein Auto fährt vorbei. Als Snack für zwischendurch haben wir eine typisch kirgisische Spezialität dabei: karamelisierte Erdnüsse mit Sesam ummantelt.


Nachmittags werden wir erneut in eine Jurte eingeladen und die drei Jungs der Familie versuchen uns stolz zu erklären, wie sie leben: geheizt wird die Jurte mit Brickets aus Schafdung, die Tiere verbringen den Sommer in der Natur am See und werden zum Winter hin verkauft. Manche Jurten verdienen zusätzlich Geld mit Pferdetouren oder dem Verkauf von Kumiß oder Qurt, manche bieten Jurten zur Übernachtung an.
Nach einer weiteren Wanderung zu einem schönen Zeltplatz mit Blick aufs Wasser bekommen wir erneut Besuch: ein junger Mann mit seinem Pferd trabt herbei, fragt uns woher wir kommen und bietet uns an auf seinem Pferd zu reiten. Wir freuen uns über das nette Angebot, reiten ein bisschen und so schnell der Mann aufgetaucht ist, so schnell reitet er auch wieder davon. Wir schlagen erschöpft von den ganzen neuen Eindrücken und Geschmäckern des Tages das Zelt auf und die Sonne geht langsam unter…

in den weiten der steppe

Man kommt in so viele Länder und es ist ganz anders als man es sich vorgestellt hat…
Und dann kommt Kasachstan: es ist brütend heiß, die Landschaft ist karg, lange Strecken entdeckt man nichts als ein paar vertrocknete Pflanzen und Kamele…

Vier geschlagene Tage hat es gedauert, bis unser Warten am Hafen belohnt wird und das Frachterschiff von Aserbaidschan nach Kasachstan ablegt. Die heißen Tage am öden Hafen verbringen wir mit russisch lernen und  Gesprächen mit anderen Reisenden. Als es endlich so weit ist und wir mit gepackten Rucksäcken dem Grenzbeamten unsere Pässe überreichen, fragt dieser ganz dreist wo sein Geschenk ist und verlangt zehn Dollar dafür, dass er den ersehnten Stempel aufs Papier drückt. Kringel lässt sich davon nicht beirren, erklärt dass wir kein Geld haben und schließlich bleibt dem selbstgefälligem Uniformträger nichts anderes übrig, als uns gehen zu lassen. Wir betreten das klapprige, rostige Schiff und bei dem Anblick des betrunkenen Kapitäns bin ich mir nicht sicher, ob wir je das andere Ufer erreichen. Der Boden des Bootes ist mit dreckigen Teppichen und Plastikplanen ausgelegt, unsere 4er Kabine gleicht einem Schuh-karton aber zum Glück mit einem Fenster – diesen Luxus besitzt allerdings nicht jede Kabine.
Während wir als „Fußgänger“ schon an Bord dürfen, warten Sarah und David noch weitere 7 Stunden, bis sie endlich mit ihrem dunkelgrünen VW Bus auf die untere Ebene fahren dürfen – ein Laster voller Pferde hatte Verspätung und die aufgeregten Tiere treten nervös gegen die Wände des überfüllten LKWs.

Morgens beim Frühstück setzt sich das Schiff langsam in Bewegung und die nächsten knapp 24 Stunden sind wir vom kaspischen Meer umgeben. Tagsüber versucht jeder auf Deck ein schattiges Plätzchen zu finden um sich zu erholen und wir sind froh dass unsere Reise gen Osten endlich weiter geht. Der Tag schleicht langsam dahin, gegen Abend wird die Temperatur angenehm und wir holen schließlich unsere Matten raus um auf Deck zu schlafen, begleitet von Meeresrauschen und dem Anblick der pfeilschnellen Sternschnuppen am Himmel.

Am nächsten Morgen kitzeln mich die allerersten Sonnenstrahlen an der Nase und ich erlebe in völliger Ruhe den Sonnenaufgang, während mir die kühle Meeresbrise um die Nase weht. Anschließend laden mich der Kapitän und sein Team zum Kaffee ein und wir geniessen den Anblick der aufgehenden Sonne während Kringel noch tief und fest schläft. Nach dem Frühstück ist es dann auch schon bald soweit: das Land ist in Sicht und nach einer intensiven Kontrolle unseres Gepäcks erreichen wir den Hafen. Wir verlassen das Boot und sind froh, festen Boden unter den Füßen zu spüren. Nach einem Abstecher zum Supermarkt fahren wir zum Strand, baden in dem warmen Wasser des kaspischen Meeres und genießen den Rest des Tages.
Es scheint uns, alshätte sich halb Kasachstan am Strand versammelt und wir staunen über die neuen Gesichter und die unbekannte Sprache die uns umgibt.

Am nächsten Morgen werden wir von der Hitze geweckt und nehmen ein ausgiebiges Bad im Meer. Sarah und David bereiten in ihrem Raumwunder „Bennybus“ Apfelpfannkuchen und Milchkaffee zu, zusammen mit Alex und Alice aus Cornwall genießen wir das köstliche Frühstück mit Blick aufs Meer. Zwei Kasachen schlendern an uns vorbei und wir unterhalten uns nett in gebrochenem Englisch, sie versprechen wieder zu kommen und bringen eine Viertel Stunde später typisch kasachische Spezialitäten vorbei: Qurt, kleine harte Käsebonbons aus Kamelmilch mit strengem Aroma (die Konsistenz ist wie bei den Muh Muhs nur der Geschmack nicht), Walnuss-Schichtkuchen mit Dickmilchfüllung und frische Tomaten aus ihrem Garten.

Wir freuen uns darüber, die nächsten Tage nicht in der Hitze am Straßenrand mit ausgestrecktem Daumen stehen müssen und nehmen das Angebot von Sarah und David, im Bus mitzufahren, dankend an. Nachdem wir noch einmal voll getankt haben, verlassen wir Aktau und steuern unser gemeinsames Ziel an: der Start der bemannten Rakete an der Raumstation in Baikonur.

Die folgenden Tage auf der „Straße“ umgeben uns nur die Hitze, kleine Büsche und trockene Gräser, ab und zu ein paar Kamele und Pferde, ein Fuchs rennt vor dem Bus her als wollte er uns den Weg zeigen. Große Falken beäugen mürrisch wie sich der Bus mühsam durch die huppeligen Steppenwege kämpft, bevor sie ihre Flügel aufspannen und davon gleiten… Die Wahrnehmung unserer Umgebung verändert sich und Einsamkeit in der Steppe bekommt etwas magisches: wir genießen leuchtende Sonnenuntergänge in allen Rot- und Orangetönen; die Weite der Landschaft, vollkommene Stille und hell glitzernden Sterne am klaren Nachthimmel lösen eine wohlige Ruhe in uns aus.

Zusammen mit Valentin aus der Bretagne, den wir mit seinem Fahrrad in flimmernder Hitze auf der Straße aufgabeln, kommen wir gerade noch rechtzeitig zur Raumstation in der Wüste. Fünf, Vier, Drei, Zwei, Eins…
Wir halten den Atem an, als sich die Raketeaus einer riesigen Rauchwolke langsam Richtung Himmel bewegt, einen langen Kondensstreifen hinter sich her zieht, langsam immer kleiner wird und schließlich
im tiefen Blau des Alls verschwindet…