von jurten, adlern und salzigem tee

„Huu huudar!“ wiederholt der Jäger, während er in einer Hand einen toten Hasen schwenkt. Er reitet auf dem staubigen Boden hin und her und wiederholt seinen Ruf, während das Publikum gespannt wartet was passiert. Auf der anderen Seite des großen Geländes auf einem Hügel können wir beobachten wie der große Adler seine Flügel ausbreitet und in Richtung des Jägers gleitet. Majestätisch und fokussiert fliegt er auf die Beute zu und das Publikum hält den Atem an, als er auf dem Arm des Mannes landet, stolz seine Flügel ausbreitet und sich sein Frühstück schmecken lässt. Der Anblick des großen Raubvogels jagt einem Respekt ein, die Augen des Tieres wirken intelligent, unergründlich und starr, die Krallen scharf.

Am Tag zuvor haben wir die zweitägige und anstrengende Busfahrt von Kasachstan über Russland in die Mongolei hinter uns gebracht und sind in Ulgii gelandet, wo wir davon erfahren, dass am nächsten Tag zufälligerweise das „Blue Wolf“-Adlerfestival statt findet, was wir uns nicht entgehen lassen wollen.

Die Adlerjäger treten nacheinander vor die Jury und präsentieren sich in traditioneller Kleidung mit ihrem Adler, unter den ganzen Männern ist sogar eine junge Frau. Der erste Programmpunkt besteht darin, den Adler mit einem toten Hasen von der Ferne aus anzulocken, wie schon beschrieben. Aber nicht jeder Adler findet sein Ziel. Ein Adler wechselt den Kurs und fliegt bedrohlich schnell auf das Publikum zu. Er schnappt sich einen jungen Falken von einem heranwachsenden Adlerjäger aus dem Publikum ganz nach dem Motto: warum so weit fliegen wenn der frische Snack so nahe ist? Der Junge ist geschockt als sein Tier leblos an seinem Arm baumelt und der Besitzer des Adlers entschuldigt sich bei ihm.

Wir schlendern über das Festivalgelände, schauen uns die bunten, handbestickten Waren der Händler an und mittags essen wir in einer der vielen Jurten „Chuuschuur“, fleischgefüllte frittierte Teigtaschen und „Buuz“ eine Art große gefüllte Tortellini. Man kann die Frauen dabei beobachten, wie sie mit einem gekonnten Handgriff die Nudeln formen, befüllen und anschließend mit einer hübschen Naht schließen. Zu diesen frisch zubereiteten Leckerein gibt es den traditionellen salzigen Milchtee „Süteei“, der aus den schön verzierten Schalen geschlürft wird.
Nachmittags schauen wir uns „Kyz kuu“ an, ein Wettrennen zwischen Mann und Frau zu Pferd, anschließend gibt es einen spannenden Wettstreit um ein geköpftes Schaf, genannt „Bushkashi“. Der Tag ist aufregend und wir sammeln viele neue Eindrücke. Wir lernen andere Reisende aus der ganzen Welt kennen und zelten abends gemeinsam in der Nähe des Festivalgeländes.

Der nächste Morgen startet ähnlich wie der vorherige und über den Tag verteilt sehen wir ein Kamelrennen, Männer die vom Rücken des Pferdes aus möglichst viele Blumen auf einem Parcours pflücken und erneut den Wettbewerb um das kopflose Schaf, der allerdings im Chaos ausartet, weil sich zwei Gruppen streiten. Das Schaf wird über herumstehende Autos gezerrt, das Publikum muss aus dem Weg springen und die Männer prügeln sich – man kann nicht sagen, dass die Männer nicht mit vollem Einsatz und Leidenschaft bei der Sache sind 😉

Nachmittags ist das Festival beendet, das pompöse Ende gibt es allerdings abends im Theater von Ulgii, wo wir traditioneller Musik mit der Pferdekopfgeige und Gesang lauschen, ein mongolisches Orchester sehen und sogar den typischen Kehlkopfgesang „Doschpuluur“ kennen lernen.
Nach diesem fulminanten Abschluss gönnen wir uns mit der großen Gruppe aus Reisenden ein Essen im Restaurant und unterhalten uns lange mit Silvia aus der Schweiz und Pyn aus London, die sich am anderen Ende der Welt kennen gelernt haben und mit zwei Pferden, einem Kamel und einem Hund durch die Mongolei gereist sind (www.always-wandering.com).

Am nächsten Morgen reisen wir weiter und wollen über die nördliche Route zu einem großen See trampen. Der Anfang läuft gut – nach dem wir den Daumen ausgestreckt haben, hält kurz später das erste Auto und die kleine Familie nimmt uns kurzum mit zu ihrer Jurte in der Nähe eines Flusses umgeben von herbstlichen Birken. Wir trinken Milchtee, Stutenmilch und bekommen das traditionelle Nudelgericht „Kurdak“ serviert. Als die Frau am abend die Stuten melkt dürfen wir zuschauen und obwohl wir nicht viel miteinander reden können ist es sehr gemütlich.

Als wir am nächsten Morgen an der Straße warten, werden wir von einem Sandsturm überrascht. Wir sind dankbar, als ein Auto kommt und zwei Männer uns mitnehmen, die auf dem Weg zum Fischen sind. Nach dieser Fahrt warten wir allerdings geschlagene zwei Stunden auf das nächste Auto und geben schon fast die Hoffnung auf, als endlich sich ein Laster nähert und wir auf der Ladefläche mitfahren dürfen. Der LKW biegt plötzlich von der Straße ab und bringt uns zu einer Jurte mitten im Nirgenwo. Das Innere der Jurte ist bunt verziert, an den Wändern hängen Teppiche und an der Decke sind farbenfrohe Bänder entlang gespannt. Wir trinken zusammen mit der Familie Tee und es stellt sich heraus, dass die Tochter Pfadfinderin ist und an dem großen „Asia Pacific Jamboree“ in Ulaanbaatar teilgenommen hat. Sie zeigt uns viele Fotos und nach diesem interessanten Nachmittag entscheiden wir uns, dass es zu spät ist zurück zur Straße zu wandern und bauen das Zelt auf.

Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass wir ganze zehn Kilometer weit von der Straße entfernt sind und wandern eine Weile bis wir dort ankommen. „Straße“ ist hier allerdings ein gedehnter Begriff, meist ist die Straße nicht asphaltiert und besteht aus mindestens fünf einzelnen Feldwegen, die mehrere Hundert Meter weit auseinander liegen können. Um unsere Trefferquote zu erhöhen nimmt Kringel den rechten und ich den linken. Wir trotten die Straße entlang und weit und breit ist kein Auto zu entdecken.

Am späten Nachmittag kommt endlich ein Auto und wir dürfen bis in die nächst größere Stadt Ulaangom mitfahren. Es ist schon dunkel als wir ankommen und ziemlich kalt draußen. Wir wollen im Supermarkt ein paar Einkäufe besorgen und während ich durch die Regale husche, unterhält sich Kringel mit dem Ladenbesitzer. Als der von unserer Reise hört, ist er total begeistert und beeindruckt und schlägt die Hände überm Kopf zusammen, dass wir in der Kälte zelten wollen. Er kommt auf mich zu und fordert mich auf, mehr Lebensmittel einzupacken und signalisiert uns, dass er uns den Einkauf schenken möchte! Wir können unser Glück kaum fassen und der Mann überreicht uns noch eine große Tüte mit Obst. Wir bedanken uns, verlassen den Laden und sind beschwingt von so viel Glück und Großzügigkeit.

Am nächsten Morgen bauen wir im Wind und Hagel das Zelt ab und entdecken nicht weit von uns ein kleines Festival mit vielen Jurten und Festzelten. Wir laufen neugierig darauf zu und machen Halt vor einem Schaf, das mit zusammen gebundenen Füßen inmitten des Geländes liegt. Zwei Männer eilen herbei, lösen die Fesseln und uns wird plötzlich bewusst, dass die Sekunden des Tieres gezählt sind. Ohne zu zögern schneidet der eine Mann ein kleines Loch in den Bauch des Tieres. Er greift mit dem ganzen Arm in das lebendige Tier hinein, sucht nach etwas, greift es, zieht es heraus und das Tier sinkt tot zusammen. Das alles passiert innerhalb weniger Sekunden und wir müssen uns anstrengen, unser Frühstück bei uns zu behalten. Wir dürfen zusehen wie das Tier mit geübten Handgriffen von Fell und Gedärmen befreit, zerteilt und verzehrfertig gemacht wird. Was ein Start in den Tag!

Wir wandern zur Straße und wollen trampen, aber die Leute verlangen unglaublich hohe Preise für die recht kurze Strecke ins nächste Dorf. Als es schließlich noch anfängt zu schneien, geben wir auf und besorgen uns ein Busticket nach Ulaanbaatar. Der Bus braucht über vierundzwanzig Stunden und wir machen nur ab und zu Halt, um in einer Jurte etwas zu essen. In Ulaanbaatar verbringen wir ein paar Tage um unsere Klamotten mal wieder richtig zu waschen und den legendären „Schwarzmarkt“ zu besuchen, dann machen wir uns auf den Weg zu einer mehrtägigen Wanderung in den angrenzenden Nationalpark Gorkhi-Terelj. Wir wandern durch die Berge, über glitzernde Teppiche aus Lärchennadeln und Schnee, lassen uns den Atem nehmen von der Kälte und dem Ausblick über das Tal und weiter in die Ferne. Der auf das Zelt herab rieselnde Schnee wiegt uns in den Schlaf und einmal sehen wir sogar einen Wolf im Wald verschwinden…