donau ade

Da hinten am Horizont können wir es sehen. Eine kleine Lücke zwischen den Bäumen die mit jedem Meter größer wird. Die Aufregung wächst – nicht nur wegen den höher werdenden Wellen, sondern auch weil wir wissen das wir es gleich geschafft haben. Der Wind pustet uns salzige Luft entgegen und die Donau wird breiter und breiter, bis wir mit einem mal nichts mehr vor uns haben als Wasser. Wir parken am Strand und fallen uns in die Arme. Endlich sind wir da! All die Anstrengungen fallen von uns ab und wir sind überglücklich diese Reise mit Fortwienix gemeistert zu haben.

Sollte es doch nur „die erste Etappe“ werden, war es schon eine Reise für sich. Wir sind froh, dass es zuende ist, denn von jetzt an kann es mit großen Schritten weiter gen Osten gehen. War das Ende der Donauodysee doch immer etwas was wir den Winter über im Hinterkopf hatten und uns nicht das Gefühl des Weiterkommens gab. Aber wir sind auch traurig das es nun vorbei ist, haben wir doch die Abende am Flußufer, die Ruhe und die Vielflat der Natur und vor allem die Menschen so sehr genoßen!

Die letzten guten 100km führen uns durch das Donau Delta. Die Donau teilt sich hier in 3 Hauptarme auf, von welchen wir den südlichsten wählen, da dieser am wenigsten befahren und am natürlichsten sein soll. Es ist der Sankt-Georgs-Kanal, benannt nach dem Dorf an der Donaumündung.

Wir hatten schon wilde Vorstellungen von einem riesigem Sumpf und Kanälen, die durch eine Dschungel Landschaft führen. Daher waren wir ein wenig enttäuscht als sich der Hauptkanal doch nicht großartig von der restlichen Donau unterschied, mit Außnahme das hier bei weitem mehr Motorboote hin und her fahren. Der Gedanke die letzten Tage vor uns zu haben treibt uns aber vorran und wir wollen endlich das schwarze Meer sehen! Als es endlich soweit ist und wir uns am Strand in die Arme fallen, erfahren wir auch, dass zufällig der Namenstag von Sankt Georg ist und an diesem Abend ein großes Fest im Dorf gefeiert wird. Wir mischen uns unter die Leute, feiern unsere Ankunft und als es dunkel ist, gibt es ein großes Feuerwerk. Wir hätten uns keinen besseren Tag aussuchen können um am schwarzen Meer anzukommen und wir haben das Gefühl das alles – jeder zu windige Tag der unsere Ankunft verzögert hat – auf diesen Abend hinlenkte.

Die Ankunft am schwarzen Meer ist aber noch nicht das Ende unserer Reise mit Fortweinix. Wir haben eine Pfadfindergruppe gefunden wo wir unseren treuen Begleiter lassen können. Der Weg dahin führt uns durch das Gewirr aus kleinen Kanälen und am Ende über den größten See Rumäniens. 3 Tage paddeln wir durch dichte Netz, sind uns nie sicher ob wir eignelitch noch richtig sind und müssen uns durch zugewachsene Stellen kämpfen. Wir sind in dem großen Sumpf den wir uns vorgestellt haben! Überall um uns herum sind Pflanzen und die Artenvielfalt an Tieren lässt uns oft vergessen zu paddeln und nur staunend im Kanu zu sitzen. Wir sehen Komorane, Schwäne, Storche, Pelikane und Fischreier. Unmengen an bunten Fröschen die uns abends ein großes Quark-Konzert bieten, kleine und große Seeschlangen, Schildkröten die schnell abtauchen wenn wir näher kommen und Wildschweine die sich mit lauten Geraschel einen Weg durch das Schilf bahnen. Als dann die Blase doch mal drückt, müssen wir (besonders Kathrin) sehr kreativ werden, weil wir auch nirgendswo mal einen Fuß auf festen Boden setzen können, da alles unter Wasser steht, was uns auch gegen abend ein wenig Sorgen macht da wir keinen Platz finden wo wir unser Zelt aufbauen können. Mittlerweile haben wir aber die Gewissheit dass wir jede Nacht schon irgendwie rumbekommen und wenn man es am wenigsten Erwartet findet man doch noch irgendwo ein schönes Fleckchen wo man sein Zelt aufbauen kann – wie auch hier, mitten im Delta, umgeben von purer Natur und einer Ruhe wie man sie selten findet. Die letzte Nacht die wir mit Fortwienix verbringen ist regnerisch und kalt. Wir wollen unsere Schlafsäcke unter einem alten Dach ausbreiten als wir von Fischern in ihr Haus geholt werden, wo wir den Fang des Tages vorgesetzt bekommen und in einem richtigen warmen Bett schlafen können.

Und dann ist es soweit. Unser letzte Paddeltag und der morgen startet sehr windig. Wir paddeln aus den geschützen Kanälen auf den großen Razim See wo wir sofort von den Wellen gepackt werden. Am Ende will uns die Natur nochmal zeigen was sie zu bieten hat und wir kämpfen uns durch die Wellen. Sie türmen sich immer weiter hoch, bis uns eine Welle von hinten packt und im 45° Winkel vor sich her schiebt. Von vorne höre ich nur Kathrins schrei und bin mir nicht sicher ob es vor Freude oder Angst ist. Wir surfen weiter auf den Wellen und fühlen uns trotz alledem recht sicher mit Fortweinix. Nach reichlich anstrengungen und 16 Kilometern über den offenen See erreichen wir endlich das andere Ufer. Die Pfadfinder von „Cercetaşii Marini Constanta“ (Pfadfinder des Meeres) holen uns ab, ein letztes Mal entladen wir Fortwienix und schnallen es auf ihr Auto.

In Visina bauen sie ein Pfadfinder Begegnungs Zentrum, das Delta Scout Center. Ihre Vision ist ab nächsten Sommer internationale Gruppen einladen zu können und gemeinsam Läger zu veranstalten. Die Nähe zu dem See, dem Delta und einem großen Wald machen die Lage perfekt und wir sind gefangen von den ganzen Ideen und der Begeisterung mit welcher sie ans Werk gehen!

In Constanta erholen wir uns ein paar Tage bevor es morgen weiter geht, weiter in die Welt hinaus!

ab in die walachei

Die Zeit bei Roger & Zsuzsi auf der Organic Art Ranch war wieder einmal sehr schön und inspirierend und wir hatten mit den anderen Voluntären Alice, Roxanne, Louis, Antoine und Peter eine Menge Spaß, so dass wir länger geblieben sind als eigentlich geplant. Kringel hat mit Roger ein Dachfenster in das Dach der Scheune eingelassen, das Scheunendach verlängert und geholfen eine andere Scheune abzureissen um das Holz weiter zu verwenden, während ich im Gewächshaus geholfen, das hölzerne Waschbecken bemalt und mich in der Küche an Gerichte mit wilden Kräutern gewagt habe.

Obwohl wir uns in den Apuseni Bergen wieder sehr wohl fühlten, zog es uns Anfang April zurück nach Orsova zu unserem Kanu, was aus seinem Winterschlaf geweckt werden wollte. Wir machten auf unserer Reise zurück zur Donau einen Abstecher nach Timisoara, genossen die entspannte Atmosphäre der frühlingshaften Stadt mit den schönen Gebäuden und kamen am folgenden Tag erstaunt über die grüne Landschaft wieder beim Kanu an.

Am nächsten Morgen packten wir unsere sieben Sachen und beluden das Kanu, dann ging es begleitet mit Sonnenschein frohen Mutes los und wir genossen es, endlich wieder das Paddel in der Hand zu haben. Schon direkt am ersten Tag passierten wir das gewaltige Eiserne Tor und hatten Glück, dass wir nicht lange warten mussten und mit einem Frachter direkt in die Schleuse paddeln konnten. Ganze zwei Stunden später und mit einem Höhenunterschied von 34 Metern fuhren wir weiter. Der zweite Teil des Eisernen Tors wurde abends als es schon zu dämmern begann sogar nur für uns geöffnet. Wir fühlten uns mit unserer kleinen Nussschale winzig in der riesigen Schleuse, waren aber erleichtert darüber die letzte Schleuse der gesamten Tour hinter uns gebracht zu haben. Anschließend paddelten wir durch das Gebiet der Walachei, waren aber immer noch auf dem Grenzgebiet zwischen Bulgarien und Rumänien, was sich erst nach knapp 600 Kilometern änderte, wo wie Donau einen Schlenker nach Norden macht.

Jetzt sind wir seit zwei Wochen mit Fortwienix unterwegs und haben schon ungefähr zwei drittel der Strecke bis zum schwarzen Meer hinter uns gebracht. Endlich spüren wir wieder die Donau um uns herum, sind von Natur und dem gewohnten Plätschern des Wassers umgeben.Wir freuen uns morgens beim Aufstehen über das Vogelzwitschern und je näher wir dem schwarzen Meer kommen, desto mehr seltene Vögel entdecken wir entlang des Flusses. Die Kormorane brüten in Kollonien in den Bäumen, täglich sehen wir Storche, ausgefallen gemusterte Enten, sowie verschiedene Reiher, Kraniche und Gänse.

Wieder einmal sind es die Menschen, die uns so freundlich begegnen und unsere Reise auf der Donau zu etwas ganz Besonderem machen. Die Fischer auf dem Fluß grüssen uns freundlich und fragen uns, wo wir hin fahren; an der Schleuse bekommen wir Wasser geschenkt und auch bei der täglichen Kontrolle der Grenzpolizei entstehen nette Unterhaltungen. An Ostern treffen wir auf einen Mann, der uns an das Ufer heran winkt. Er schenkt uns Ostereier und läd uns auf ein Gläschen Wein in seinen Garten ein. Wir sind umgeben von vielen Hühnern, zwei Katzen, mehreren Ferkeln mit einer großen Sau, sowie seinem kleinen Hund Coco (der um einiges kleiner ist als eins der Hühner). Der Mann ist 80 Jahre alt und sagt, er braucht nicht viel Geld zum Leben, weil er schon am schönsten Ort auf der Welt lebt und glücklich ist. Beschwingt von dieser Einstellung (und auch ein bisschem vom Wein) fahren wir an diesem Tag weiter und geniessen abends ein frisches buntes Osterei zu unseren Nudeln.

von der dunav zur dunarea – zu dritt

In Belgrad laden wir unsere Akkus wieder auf und Kringel schläft fast einen ganzen Tag durch. Wir geniessen es, den Tag nicht nur sitzend zu verbringen und nicht jeden Tag aufs Neue alles ein- und auspacken zu müssen. Nach einem Tag Verschnaufpause freuen wir uns darauf, Jens – ebenfalls eine Abenteuerseele – in Belgrad zu empfangen, der sich auf den Weg gemacht hat unsere Besatzung für 7 Tage zu ergänzen. Wir erkunden zu dritt die Stadt, geniessen die Atmosphäre, essen serbischen Käse, das beste Eis des Universums (was uns unser wundervoller Gastgeber Nikola gezeigt hat, nochmal vielen Dank!) und kehren einen Tag später zum Kanu zurück.

Nachdem alles Gepäck und unser Paddelgas im Boot verstaut sind, staunen wir darüber wie tief wir im Wasser liegen, als auch schon die erste Welle ins Boot schwappt.. Aber das entmutigt eine donautaugliche Truppe wie uns nicht und wir starten in eine Woche voller Pleiten, Pech und Abenteuer…

Schon am zweiten Tag regnet es so stark, dass wir am frühen Nachmittag unser Lager aufschlagen müssen. Einen Tag später sind wir auf einer Insel gefangen, weil der Wind so stark weht, dass das Geschaukel auf den Wellen uns zu heikel wird… An der Grenze zu Rumänien guckt uns der Grenzpolizist mit strengem Blick an und sagt: „You have two Problems…!“ und wir bekommen nur über Umwege und eine kleine Notlüge unseren Ausreisestempel. Und am letzten Tag auf dem Weg von einer Insel zum Festland reisst das Boot ein und wir wagen uns bei starken Windböhen und hohen Wellen auf das Wasser… Gleichzeitig schießt uns allen durch den Kopf, dass Jens in dieser Woche alle Katastrophen auf einmal erlebt hat – nur nicht das kentern! Aber zum Glück geht alles gut und wir erreichen trotz einigen Litern Wasser im Kanu das rettende Ufer. Allerdings gibt es von dort kein Weiterkommen mehr, da der Wind nur noch stärker wird (bis zu 65 km/h – nur zum Vergleich: eine leichte Brise hat ca. 10km/h). Wir verbringen unsere letzte Nacht zu dritt im Hostel und blicken schmunzelnd zurück auf viele spannende Momente mit Captain, Smutje und Paddelgas…

Dann sind wir auch schon wieder zu zweit und der wilde Herbst wütet. Wir kämpfen gegen rauen Wind und Nieselregen. Weiße Schaumkronen bilden sich auf den grünen Wogen der Dunarea und die Angler schütteln ungläubig die Köpfe, wenn sie unsere Nussschale zwischen den tosenden Wellen entdecken. Die Karpaten türmen sich rechts und links von uns auf, sind herbslich bunt gefärbt und verlieren ihre Gipfel in den tief hängenden, grauen Regenwolken – allerdings bleibt kaum Zeit sie zu bewundern.

Wir versuchen unsere ersten Worte in rumänisch und sind berührt von der Freundlichkeit der Menschen. Wir bekommen Brot, selbst gemachten Käse, selbst gebrannten Sliwowitz und viele andere Leckereien geschenkt, als wir wieder einmal nicht paddeln können und fühlen uns jetzt schon sehr willkommen in dem Land, wo wir bis zum Frühjahr bleiben werden.

Als sich der Wind legt, paddeln wir durch den kleinen Kazan, sind hingerissen von Einsamkeit, hohen Bergen, nacktem Fels und kleinen Wolken die sich zwischen den Bäumen verstecken zu scheinen. Aber bisher haben wir nur das Leben auf dem Fluss kennen gelernt und von den Dörfern und dem Drumherum nicht viel mitbekommen. Es fühlt sich gerade fast ein wenig so an, als wären wir abgeschnitten vom Leben im Land und wir merken, dass es Zeit wird, das „wahre Gesicht“ Rumäniens in all seinen Facetten kennen zu lernen….

von der duna zur dunav

Während wir nach einem langen Wochenende zwischen Buda und Pest durchpaddeln, bietet sich uns ein völlig anderer Blick auf die Stadt, den wir als gelungenen Abschluss einer schönen Zeit mit interessanten Kontakten und vielen Eindrücken sehr geniessen. Und zu dem Zeitpunkt ahnen wir auch noch nicht, was die nächsten Tage für uns Spannendes bereit halten…

Wir suchen uns kurz hinter der Stadt einen Lagerplatz und staunen am nächsten Morgen nicht schlecht, als es sich direkt vor unserem Zelt zwei Angler in der Frühe gemütlich gemacht haben. Sie sind schockiert darüber, dass wir das Donauwasser zum Kaffeekochen benutzen wollen und prompt bekommen wir Wasser, Weißbrot und einen frisch geangelten Fisch geschenkt. Wir unterhalten uns noch eine Weile mit Händen, Füßen und viel Zeichensprache mit dem Angler Joszéf und so viel Herzlichkeit und Freundlichkeit am frühen Morgen sorgen dafür, dass wir beschwingt in den Tag starten.

An der ungarischen Grenze, von wo aus die Donau die Grenze zwischen Kroatien und Serbien bildet, wird uns mitgeteilt, dass wir von nun an in jedem Land einen Einreise- und Ausreisestempel bekommen müssen, jedoch liegen die Zollstation bis zu 100km auseinander. Nachdem wir unseren Ausreisestempel in Ungarn bekommen haben, müssen wir 30km bis zur serbischen Station fahren. Hier werden 65 Euro Gebühr fällig, allerdings hatte die „Kasse“ schon geschlossen und wir sollen den Papierkram einfach in Novi Sad, 150km flussabwärts erledigen und währenddessen auf der kroatischen Seite übernachten, da wir ohne Einreisestempel nicht in Serbien schlafen dürfen. Gesagt, getan. Aber dann geht der ganze Spaß erst los: die kroatische Polizei hält uns auf dem Fluss an und erklärt uns, dass wir nicht in Kroatien übernachten dürfen, weil wir keinen kroatischen Einreisestempel haben. Wir sollen einfach auf der serbischen Seite bleiben und uns am nächsten Tag in der kroatischen Zollstation melden – 75km entfernt, was ziemlich viel ist, da die Donau zu dieser Zeit keine nennenswerte Strömung hat. Mittlerweile fühlen wir uns schon wie Verbrecher, nirgendwo geduldet und schlagen unseren Schlafplatz illergalerweise, versteckt hinter ein paar Büschen auf.

Am nächsten Tag liegt folglich eine lange Etappe vor uns und wir kommen in der kroatischen Zollstation abends im Dunkeln und bei Regen an. Nach einigem hin und her bekommen wir direkt Einreise- und Ausreisestempel und befinden uns aber wieder illegal zwischen Kroatien und Serbien, weil wir uns eigentlich noch am selben Tag in Novi Sad, Serbien melden müssten. Zwischen den beiden Orten liegen übrigens 80 km und wie toll der nächsten Tag war kann man sich jetzt denken… Das einzig Gute daran ist: Hier verläuft das Einchecken total unkompliziert, keiner will uns 65 Euro abknöpfen und wir bekommen den ersehnten serbischen Stempel. Wer bei diesem hin und her nicht mehr mitkommt – wir tun es auch nicht 😉

Nachdem alle Stempel auf den richtigen Papieren platziert sind, fahren wir an Sremski Karlovci vorbei und stoßen auf eine ziemlich tolle Einrichtung: Ein Eco Center mit Hostel und verschiedenen Projekten, was Umweltschutz und Nachhaltigkeit angeht. Die Mitarbeiter dort sind sehr freundlich und laden uns direkt zum Essen ein: typisch serbisches Paprikasch mit Brot, einen Rakija und als Nachtisch Apfelstrudel – alles von der Mutter einer der Mitarbeiter selbst gemacht und unglaublich köstlich. Wir machen eine Führung durch die Einrichtung und die nebenan liegende Sprachschule und haben einen richtig interessanten Tag.

Der Herbst kommt mit langen Schritten immer näher, färbt die Bäume gold-gelb und lässt die Abendsonne alles in ihr warmes Licht tauchen. Der Wind umspielt uns, nimmt zeitweise alle Gedanken mit sich und lässt nur Platz für freie Glückseligkeit. Viele Kilometer artenreicher Auwald säumen hier das Ufer und das Bild der Naturidylle wird nur von dem ganzen Müll gestört, der am Ufer angespült wird – dafür werden wir überall sehr freundlich empfangen und es entwickeln sich schnell interessante Gespräche mit Einheimischen. Die Temperaturen sorgen dafür, dass wir nicht mehr jeden Tag mit Vergnügen in die Donau springen, sondern nur widerwillig untertauchen beim Baden.

Am nächsten Morgen setzen wir unseren Weg nach Belgrad fort und da der Herbstwind günstig weht und Kringel in der Mittagspause zufällig eine Plane findet, baut er kurzerhand ein super funktionierendes Segel, was uns im Nu vorwärts treibt. Wir reiten so schnell über die schäumenden Wellen, dass es nur so in den Ohren rauscht und wir gar nicht so stark paddeln müssen.

Und dann ist er da. Kurz vor Belgrad: Kilometer 1190 – unser Kilometer-Bergfest! Es ist zwar schon dunkel, als wir ankommen, aber das Gefühl ist unbeschreiblich. Wir wissen, dass wir 1190000 Meter im Kanu mit unser eigenen Muskelkraft zurück gelegt haben. Wir sind von Deutschland nach Serbien, von Regensburg bis nach Belgrad gefahren in unserer Nussschale „Fortwienix“ – eine Strecke, die sich so weit anhört. Dieses Gefühl breitet sich wohlig warm im Bauch aus und macht uns fast ein wenig stolz und wir werden es in Belgrad ein wenig auskosten, während wir uns eine kleine Paddelpause gönnen um uns von den Strapazen der letzten Tage zu erholen…

 

von der donau zur duna

Die ersten Landesgrenzen haben wir nun endlich überschritten. Österreich durchpaddelten wir von Ost nach West, anschließend die Slowakei bevor sich die Donau nach Süden durch Ungarn schlängelt. Hatten wir doch oft das Gefühl in Deutschland und Österreich ist die Donau eingezwängt und gezähmt durch hohe Dämme und Staumauern, folgt mit dem Grenzübetritt in die Slowakei endlich das Gefühl auf welches wir so gespannt waren. Die Landschaft verändert sich, der Fluß ist nicht mehr eingeengt sondern hat eine natürliche Uferböschung, wir haben wieder das Gefühl von der Strömung ein wenig getragen zu werden und auch die Sprache ist anders. All das lässt das „Urlaubsgefühl“ welches sich in Deutschland und Österreich in den ersten Wochen eingeschlichen hat verschwinden und das Ausmaß der Reise wird uns mit jedem Meter deutlicher.

Nicht nur unser Gefühl ändert sich mit der Zeit, sondern auch die bevorstehende Herbstzeit mit den herabfallenden Blättern und das Rauschen des Laubs schleicht sich langsam ein, gab es doch schon den ein oder anderen Tag den wir nicht oberkörper frei auf dem Fluß paddeln konnten. Im Gegenzug mehren sich aber auch die Abende an denen wir uns am Feuer die Füße wieder aufwärmen.

Nach dem ersten Monat auf See steht die Rollenaufteilung in Kapitän und Smutje und die Arbeitsabläufe gehen Hand in Hand. Unsere täglich wachsenden Oberarme lassen den Bug von Fortwienix durch die Wellen pflügen und bringen uns mit rasender Geschwindigkeit dem schwarzen Meer entgegen.

Die traute Zweisamkeit wird immer weniger gestört je weiter wir gen Osten kommen. Die Angler am Ufer treten sich nicht mehr gegenseitig auf die Füße und dem Schiffsverkehr gehen wir so gut es geht aus dem Weg indem wir die künstlich angelegten Kanäle für Frachter und Fähren meiden und die natürlich laufenden Nebenarme benutzen. Dort gibt es besonders schöne Plätze zum Zelten, wir müssen nicht auf den kleinen Rand der Wiese neben dem Donauradweg ausweichen und können die Ruhe, das Zwitschern der Vogel und das Rauschen der Wellen ungestört geniessen.

Ganz anders ist es allerdings wenn wir durch größere Städte fahren. Da fallen uns umso mehr der Lärm, die Geschäftigkeit und der Trubel auf. Mit den letzten Besorgungen, die wir in Wien getätig haben, den vielen Eindrücken und besonders der Gastfreundschaft von Elena und Andy sind die Tage trotzdem verflogen. Wir haben den deutschsprachigen Raum verlassen um für ein paar Tage noch einmal die Ruhe und die Einsamkeit der Duna aufzusaugen bevor uns der Lärm, die Geschäftigkeit und der Trubel von Budapest wieder in ihren Bann nehmen.

die reise beginnt

Es wird einem erst richtig bewusst, dass es bald losgeht, wenn man anfängt Abschied zu nehmen: das letzte Mal Falafel essen, Familie & Freunde das letzte Mal sehen und drücken, das letzte Mal im heimischen Bett schlafen – ein mulmiges Gefühl, was sich kaum beschreiben lässt. Nachdem wir so lange darauf gewartet und so oft davon geredet haben, erscheint es unwirklich, dass nun der Punkt ist, an dem nun wirklich alles beginnt.

Der Wecker klingelt nach einer schlaflosen Nacht und mit gemischten Gefühlen steigen wir schlaftrunken in den Bulli, der uns samt Kanu zu unserem Startpunkt in Regensburg bringt.

Kilometer 2380. Mit den ersten Paddelstichen fällt auch der Stress der letzten Tage von uns ab, wir geniessen das Plätschern unter uns, bestaunen Regensburg mit seinen imposanten Domtürmen und einige Kilometer später Walhalla (einen griechischen Tempel hoch über dem Fluss) und ein großer Krähenschwarm fliegt über uns hinweg. Wir bleiben den ersten Abend auf einer kleinen Insel mittem auf dem Fluss, geniessen das noch ungewohnte Gefühl, das bisherige Leben für das Unterwegssein hinter uns gelassen zu haben und sortieren unser Gepäck neu.

Die Wellen der Fähren oder Frachtschiffe lassen uns das ein oder andere Mal das Herz in die Badehose rutschen, aber Fortwienix hält tapfer die Nase oben und trägt uns sicher den Fluss hinunter. In Deutschland sind viele Sportboote unterwegs, die bei dem heissen Wetter das Lenken für Kringel zur Herausforderung machen, weil ständig von allen Seiten Wellen auftauchen. Die einsamen Passagen des Flusses geniessen wir umso mehr. Kleine Fische umspielen unser Kanu, wir können einen Biber beobachten, der kraftvoll direkt neben uns ins Wasser springt und eine Eule fliegt fast lautlos eines abends über unseren Schlafplatz hinweg.

Morgens starten wir mit Beerenmüsli und selbst gepflückten, wunderbar süßen Äpfeln und Cowboykaffee in den Tag, während die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bäumen hervor blinzeln. Wir paddeln den Tag über, machen unsere wohl verdiente Mittagspause (Erdnussbutterbrote mit Apfelscheiben und Studentenfutter) auf dem Fluss und abends fangen wir beim Baden im Flusswasser und Kochen die letzten Sonnenstrahlen ein. Müde von den vielen neuen Eindrücken des Tages fallen wir in unsere Schlafsäcke und träumen sogar schon manchmal von dem Schaukeln des Kanus, was uns den Tag über begleitet.

An den Schleusen hatten wir bisher schon einige Male das Glück, mit Frachtern oder Passagierschiffen durch die Schleusentore zu fahren und das Boot nicht mühsam umtragen zu müssen. Während wir mit einem kleinen Sportboot in der Schleuse warteten, haben wir die beiden interessierten Urlauber darin kennen gelernt und von ihnen einige Lebensweisheiten mit auf den Weg genommen.

Sogar ein paar dramatische Situationen haben bisher unseren Weg gekreuzt und dafür gesorgt, dass wir das Gefühl haben, schon viel länger als eine Woche unterwegs zu sein. Zu diesen gehören Wellen, die uns morgens unsanft wecken weil sie uns fast samt unseres Lager weg spülen; oder ein Angelhaken, der sich auf unglückliche Art und Weise in einem Bein verhakt; ein Gewitter, welches die Zeltwand bis auf unsere Nase drückt; die Erkenntnis, dass unser Bootswagen einen Platten hat und wir bei 30 Grad im Schatten eine kilometerlange Umtragestelle vor uns haben – nur ohne Schatten – bis hin zu experimentellen Methoden das Kanu umzutragen und sich dabei fast mehrere Rippen zu brechen.

Im Kontrast dazu stehen aber auch die vielen wunderschönen Momente und Menschen denen wir auf Reisen begegnen und vor allem das Gefühl unterwegs zu sein und sich nicht mehr Gedanken machen zu müssen als was wir abends gerne essen möchte oder an welchem Ort wir unser Zelt aufbauen möchten. Deshalb haben wir uns auch für die „einfache“ Art des Reisens entschieden.

Auch wenn es erst 2 Wochen sind, lernt man die Kleinigkeiten wieder zu schätzen und merkt wie wenig es doch braucht. Seien es die frisch gepflückten Brombeeren im Frühstücksmüsli oder ein Stück von der verbliebenen Nuss-Krokant Schokolade nach einem anstrengendem Tag auf der Donau.

Inzwischen haben wir die ersten 420km hinter uns und Zeit gefunden die ersten Zeilen zu schreiben, da wir durch einen Dauerregen im Zelt gefangen gehalten werden. In 5-6 Tagen erreichen wir hoffentlich Wien, von wo aus es dann nicht mehr weit bis zum Balkan ist.

Gut Pfad!