in den weiten der steppe

Man kommt in so viele Länder und es ist ganz anders als man es sich vorgestellt hat…
Und dann kommt Kasachstan: es ist brütend heiß, die Landschaft ist karg, lange Strecken entdeckt man nichts als ein paar vertrocknete Pflanzen und Kamele…

Vier geschlagene Tage hat es gedauert, bis unser Warten am Hafen belohnt wird und das Frachterschiff von Aserbaidschan nach Kasachstan ablegt. Die heißen Tage am öden Hafen verbringen wir mit russisch lernen und  Gesprächen mit anderen Reisenden. Als es endlich so weit ist und wir mit gepackten Rucksäcken dem Grenzbeamten unsere Pässe überreichen, fragt dieser ganz dreist wo sein Geschenk ist und verlangt zehn Dollar dafür, dass er den ersehnten Stempel aufs Papier drückt. Kringel lässt sich davon nicht beirren, erklärt dass wir kein Geld haben und schließlich bleibt dem selbstgefälligem Uniformträger nichts anderes übrig, als uns gehen zu lassen. Wir betreten das klapprige, rostige Schiff und bei dem Anblick des betrunkenen Kapitäns bin ich mir nicht sicher, ob wir je das andere Ufer erreichen. Der Boden des Bootes ist mit dreckigen Teppichen und Plastikplanen ausgelegt, unsere 4er Kabine gleicht einem Schuh-karton aber zum Glück mit einem Fenster – diesen Luxus besitzt allerdings nicht jede Kabine.
Während wir als “Fußgänger” schon an Bord dürfen, warten Sarah und David noch weitere 7 Stunden, bis sie endlich mit ihrem dunkelgrünen VW Bus auf die untere Ebene fahren dürfen – ein Laster voller Pferde hatte Verspätung und die aufgeregten Tiere treten nervös gegen die Wände des überfüllten LKWs.

Morgens beim Frühstück setzt sich das Schiff langsam in Bewegung und die nächsten knapp 24 Stunden sind wir vom kaspischen Meer umgeben. Tagsüber versucht jeder auf Deck ein schattiges Plätzchen zu finden um sich zu erholen und wir sind froh dass unsere Reise gen Osten endlich weiter geht. Der Tag schleicht langsam dahin, gegen Abend wird die Temperatur angenehm und wir holen schließlich unsere Matten raus um auf Deck zu schlafen, begleitet von Meeresrauschen und dem Anblick der pfeilschnellen Sternschnuppen am Himmel.

Am nächsten Morgen kitzeln mich die allerersten Sonnenstrahlen an der Nase und ich erlebe in völliger Ruhe den Sonnenaufgang, während mir die kühle Meeresbrise um die Nase weht. Anschließend laden mich der Kapitän und sein Team zum Kaffee ein und wir geniessen den Anblick der aufgehenden Sonne während Kringel noch tief und fest schläft. Nach dem Frühstück ist es dann auch schon bald soweit: das Land ist in Sicht und nach einer intensiven Kontrolle unseres Gepäcks erreichen wir den Hafen. Wir verlassen das Boot und sind froh, festen Boden unter den Füßen zu spüren. Nach einem Abstecher zum Supermarkt fahren wir zum Strand, baden in dem warmen Wasser des kaspischen Meeres und genießen den Rest des Tages.
Es scheint uns, alshätte sich halb Kasachstan am Strand versammelt und wir staunen über die neuen Gesichter und die unbekannte Sprache die uns umgibt.

Am nächsten Morgen werden wir von der Hitze geweckt und nehmen ein ausgiebiges Bad im Meer. Sarah und David bereiten in ihrem Raumwunder “Bennybus” Apfelpfannkuchen und Milchkaffee zu, zusammen mit Alex und Alice aus Cornwall genießen wir das köstliche Frühstück mit Blick aufs Meer. Zwei Kasachen schlendern an uns vorbei und wir unterhalten uns nett in gebrochenem Englisch, sie versprechen wieder zu kommen und bringen eine Viertel Stunde später typisch kasachische Spezialitäten vorbei: Qurt, kleine harte Käsebonbons aus Kamelmilch mit strengem Aroma (die Konsistenz ist wie bei den Muh Muhs nur der Geschmack nicht), Walnuss-Schichtkuchen mit Dickmilchfüllung und frische Tomaten aus ihrem Garten.

Wir freuen uns darüber, die nächsten Tage nicht in der Hitze am Straßenrand mit ausgestrecktem Daumen stehen müssen und nehmen das Angebot von Sarah und David, im Bus mitzufahren, dankend an. Nachdem wir noch einmal voll getankt haben, verlassen wir Aktau und steuern unser gemeinsames Ziel an: der Start der bemannten Rakete an der Raumstation in Baikonur.

Die folgenden Tage auf der “Straße” umgeben uns nur die Hitze, kleine Büsche und trockene Gräser, ab und zu ein paar Kamele und Pferde, ein Fuchs rennt vor dem Bus her als wollte er uns den Weg zeigen. Große Falken beäugen mürrisch wie sich der Bus mühsam durch die huppeligen Steppenwege kämpft, bevor sie ihre Flügel aufspannen und davon gleiten… Die Wahrnehmung unserer Umgebung verändert sich und Einsamkeit in der Steppe bekommt etwas magisches: wir genießen leuchtende Sonnenuntergänge in allen Rot- und Orangetönen; die Weite der Landschaft, vollkommene Stille und hell glitzernden Sterne am klaren Nachthimmel lösen eine wohlige Ruhe in uns aus.

Zusammen mit Valentin aus der Bretagne, den wir mit seinem Fahrrad in flimmernder Hitze auf der Straße aufgabeln, kommen wir gerade noch rechtzeitig zur Raumstation in der Wüste. Fünf, Vier, Drei, Zwei, Eins…
Wir halten den Atem an, als sich die Raketeaus einer riesigen Rauchwolke langsam Richtung Himmel bewegt, einen langen Kondensstreifen hinter sich her zieht, langsam immer kleiner wird und schließlich
im tiefen Blau des Alls verschwindet…