aus der finnmark

Schon mehr als vier Wochen sind wir nun im Norden Norwegens bei der Holmen Husky Lodge. In der letzten Zeit haben wir viel erlebt, gelernt und haben Leute aus den unterschiedlichsten Ländern der Erde kennen gelernt und viele, für die das Schlittenfahren eine ganz besondere Erfahrung ist… Aber ich beginne am besten am Anfang unserer Reise in den Norden!
Nach einem Monat Zuhause haben wir unsere Rucksäcke wieder gepackt – allerdings dieses Mal mit vielen warmen Winterklamotten und uns anschließend auf den Weg Richtung Norden gemacht. In Tromso ist unser erster längerer Stop und die Straßen sind glatt und vereist, am Straßenrand türmen sich die Schneeberge und wir steuern unseren Unterschlupf für die Nacht, Patricks Studenten-WG an. Dort werden wir von einer bunt gemischten Truppe aus europäischen Studenten empfangen, Patrick selbst kommt erst später und wir essen zusammen und erfahren mehr über das Leben in Norwegen. Erst am nächsten Nachmittag fährt unser Bus weiter Richtung Alta, folglich haben wir ein großzügiges Zeitfenster um Tromso zu erkunden. Wir laufen durch die kleine Fußgängerzone und erleben zum ersten Mal den Effekt der Dunkelheit auf unseren Körper: gegen 11 wird es hell und gegen 13 Uhr auch schon wieder dunkel – schlagartig werden wir müde und als es um halb 2 schon wieder stockduster ist, staunen wir nicht schlecht. Fast die ganze Busreise verbringen wir schlafend. Wir kommen gegen 21 Uhr in Alta an und werden von zwei Voluntären und dem Besitzer Eirik an der Bushaltestelle abgeholt. Am nächsten Morgen lernen wir die anderen Voluntäre kennen: Kamala und Sam aus Neuseeland, Chloe aus Frankreich, Lily und Waide aus Australien und Bram, der Manager, kommt ursprünglich aus den Niederlanden. Wir werden langsam in den Tagesablauf eingeführt: Morgens werden die 96 Hunde gefüttert, dann kommt der „Poo-Pick“ – Hundekot aufsammeln.

Die Hunde sehen alle unterschiedlich aus, was aber ein typisches Merkmal für den Alaska Husky ist. Die Rasse wird speziell für Hunderennen gezüchtet und Arten werden mit anderen gekreuzt um spezielle Eigenschaften zu erzielen, beispielsweise werden sibirische Huskys wegen des dichten und warmen Fells zum Züchten benutzt, Schäferhunde wegen ihrer Stärke und Border Collie wegen ihrer Ausdauer und Schnelligkeit. Jeder Hund hat einen Namen und die einzelnen Geschwister bekommen meist Namen aus einer bestimmten Gruppe, so haben wir Curry, Saffron und Chili oder Adidas, Nike und Fila oder Achilles, Apollo und Athena. Beim Anblick der 96 Vierbeiner und der Aufgabe, bald alle Namen zu lernen bekommen wir große Augen – haben wir doch schon manches Mal im Sommerlager mit 40 Kindernamen Schwierigkeiten 😉

Aber schon unser erster Tag wird sehr aufregend: wir helfen beim Füttern und dürfen auch direkt bei einer Schlittentour mitfahren. Die Hunde werden in 6er Teams vor die Holzschlitten gespannt. Wir holen den jeweiligen Hund in seiner Hütte ab, ziehen ihm das passende Geschirr an und spannen ihn vor den Schlitten, welcher hinten an einem Holzpfahl mit einem Spannknoten befestigt ist. Sobald die Hunde merken, dass wir zu einer Tour aufbrechen, fangen sie aufgeregt an zu bellen und der Lärm ist ohrenbetäubend – jeder der Hunde möchte mitkommen. In Zweierteams fahren wir mit dem Schlitten, am ersten Tag sind Kringel und ich aber nur vorne sitzende Passagiere und geniessen die Aussicht auf die wundervolle Winterlandschaft entlang des Flusses. Mal geht es “hoyre” rechts entlang, manchmal “venstre” links – die einzelnen Schlaufen durch den Wald erscheinen mir wie ein Labyrinth und ich kann mir kaum vorstellen, dass ich mich irgendwann hier alleine zurecht finden soll… Der erste Tag endet mit einem Hundekampf, bei dem „Solo“ so stark am Kinn verletzt wird, dass er genäht werden muss. Die Tierärztin kommt und wir schauen alle interessiert zu, wie das Anästhetikum wirkt und der schlafende Husky wieder zusammen geflickt wird. Wir lernen auch einen letzten Bewohner des Hunde & Katzenhotels kennen: ein ziemlich großer, kupferfarben/weiß gemusterter Kater, der bei Gelegenheit auch mal übellaunig ausholt um nach einem zu hauen, oder einen schon beim Eintreten in den Flur mit einem vorwurfsvollen „maauuuu“ begrüßt. Überwältigt von den ganzen Eindrücken des Tages fallen wir müde in unsere Betten.

In den nächsten Tagen reiht sich ein Ereignis an das nächste: Wir fahren an einem ruhigen Tag zusammen in die Berge um die Strecke des Wochenendtrips kennen zu lernen und kommen in einen heftigen Schneesturm – vor lauter Schnee können wir die ersten Hunde an unserem Schlitten schon nicht mehr sehen und dann verfahren wir uns, so dass wir umkehren müssen. Kringel und ich fallen vom Schlitten und haben Glück, dass nichts passiert.

Wir sehen die ersten Nordlichter in einer klirrend kalten Nacht, sie tanzen in grünen Schwaden über uns hinweg und flimmern leicht.

Alle zusammen machen wir einen Ausflug in das Eishotel Sorrisniva und bewundern die aus Eis geschnitzen Wikinger-Figuren und die feinen in den Schnee gezeichneten Reliefs zu verschiedenen nordischen Sagen. Obwohl die Betten in den einzelnen Kabinen mit Rentierfellen ausgestattet sind, ist es recht kalt und als wir wieder nach draußen kommen, merken wir den Temperaturunterschied – plötzlich ist es draußen „warm“. 😉 Abends gibt es für uns zum Probieren „Finnbiff“, ein traditionelles Gericht aus Norwegen mit Rentierfleisch und einer Soße aus dem leicht süßen, karameligen Braunkäse „Gudbrandsdalost“ – ein paar Tage später probieren wir sogar Elchfilet.

Wir werden langsam in die restlichen Aufgaben rund um die Lodge eingearbeitet: Touristen begrüßen und einkleiden, Sicherheitstraining halten, nach der Tour in gemütlicher Atmosphäre mehr über die Hundesorte- und Zucht, das Training, Futter, Hunderennen (insbesondere die „Finnmarkslopet“ hier in Alta) erzählen… “Hotel-Arbeit”: Gäste einchecken, herumführen, Gäste mit Frühstück oder Abendessen versorgen, Betten beziehen und abbeziehen, Tipis reinigen und mit Feuerholz versorgen, Sauna anfeuern, den Whirlpool befüllen…

Unsere Tage sind abwechslungreich und keiner ist wie der vorherige: Manchmal purzeln Touristen vom Schlitten und wir müssen versuchen einen mit Karacho auf uns zurasenden Schlitten anzuhalten, manchmal beißt ein Hund sein Geschirr oder eine Zugleine durch, Hunde kämpfen oder besteigen sich oder andere unvorhergesehene Dinge passieren.

Langsam kommt Weihnachten näher und wir geniessen zwei Tage Ruhe und Erholung. In gemütlicher und ruhiger Atmosphäre feiern wir Weihnachten und Lily, die gelernte Köchin ist, zaubert ein wundervolles Weihnachtsfestessen mit ein bisschen aus jedem Land: Truthahn, Kartoffelsalat, Schweinekrustenbraten, Gemüse, Salat; als Nachtisch Mousse au Chocolat, Panna Cotta und hinterher noch eine prall gefüllte Käseplatte… Nach dem Essen kann sich keiner mehr bewegen und der oberste Hosenknopf ist schon geöffnet, aber die Schüsseln sehen aus wie unbeührt. Zwischen den Feiertagen haben wir viel zu tun und es gibt mehrere Tage, wo ganze Busladungen an Touristen angekarrt werden. Wir drehen Runde um Runde mit Leuten aus Indonesien, Holland, Australien, England, Indien und natürlich auch aus Deutschland.

Das Ende des Jahres nähert sich und auch an Silvester und Neujahr haben wir frei und können den ganzen Tag Karten spielen, faulenzen und geniessen.
Und dann eines Morgens haben wir beim Training der jungen Hunde im Morgenrot sogar Glück und uns läuft ein Elch über den Weg. Erst rennt er quer über das Feld und dann können wir ihn beobachten, als wir mit den Schlitten an ihm vorbei rauschen, während er uns vom Gebüsch aus beäugt…