glückliche fügung

Es fühlt sich sogar auf dieser langen Reise ein klitzekleines bisschen wie nach Hause kommen an. Wir öffnen das Gartentor, laufen die altbekannten Stufen hoch durch den blühenden Garten und schon liegen sich Kringel uns Hüseyin in den Armen. Bei dem Blick in Hüseyins freudestrahlenden Augen fängt mein Bauch an zu kribbeln – es ist ein ganz besonderes Wiedersehen für uns. Als wären wir nie weg gewesen fühlt es sich an, wir gehen zusammen segeln und verbringen ein paar Tage auf Cunda bevor wir uns zusammen auf den Weg zur Schwarzmeerküste machen, wo sich das Restaurant und Hotel „Kerpe Diem“ der Familie befindet. Umgeben von Maulbeerbäumen und Artischockenpflanzen liegt das Hotel mitten im Wald und die Hühner laufen frei herum. Hüseyin zeigt uns, wie man mit Netzen fischt und die Fische ausnimmt, wir musizieren zusammen und geniessen die entspannte Atmosphäre, natürlich immer mit einem typisch türkischen Tee zwischendurch, danach oder mittendrin.

An den atembraubenden Klippen in Kerpe erhaschen wir einen ersten Eindruck von unserer Weiterreise und entlang des Schwarzen Meeres trampen wir Richtung Osten. Unsere Augen können sich an dem Anblick der Klippen und des blaugrünen Meeres nicht satt sehen, wir schlafen in einer einsamen Bucht am Strand und die Küstenstraße führt uns in einem wohligen auf und ab der georgischen Grenze entgegen. Das Glück des Zufalls kreuzt mehrfach unseren Weg und wir erleben einen unvergesslichen Abend in Amasra mit Necdet und Aydin aus Duisburg; mit Ferhat, der uns in seinem LKW auf den holprigen Straßen mitnimmt und mit Mustafa, der mit uns sieben Stunden durch die Nacht bis zur georgischen Grenze fährt.

In den frühen Morgenstunden erreichen wir die Grenze, die Sonne schiebt sich langsam hinter den Klippen hervor und wir verlassen den LKW gleichzeitig aufgeregt und nervös. Uns erwartet eine neue Landesgrenze, wir überschreiten die zweite Zeitzone unserer Reise und außerdem sind wir die nächsten Wochen nicht nur von einer neuen Sprache umgeben sondern auch von einer neuen Schrift. Zunächst gestaltet sich das Trampen nicht besonders einfach und die Küstenstadt Batumi macht einen zwiegespaltenen Eindruck auf uns, dann haben wir aber Glück und erfahren auf dem Weg ins Landesinnere nicht nur einiges über die Musik und Essenskultur der Georgen, wir lernen auch die ersten Worte Georgisch („gaumarjos“ – Hallo und „madloba“ – Danke) und besuchen die römische Ruine „Petra“ mit Blick aufs Meer.
Kutaissi, die drittgrößte Stadt Georgiens zeigt sich uns im schönsten Wetter und wir tauchen in die Esskultur ein, indem wir von einem Einheimischen zu dem Nationalgericht Chinkali eingeladen werden. Neben einem neuen Geschmack probieren wir uns ebenfalls die richtige Verzehrweise dieser köstlich gefüllten Teigtaschen und nachdem wir viele neue Details über die jahrtausende alte Kultur der Georgen erfahren haben, verbringen wir den Rest des Tages am rauschenden Rioniufer. Auf dem Weg nach Tiflis sind wir überrascht von der schönen Landschaft, den großen saftig grünen Wäldern, den vielen Wasserfällen und Flüßen und fahren in eine Großstadt, die von vielen Einflüssen geprägt ist. Wir besuchen den bunten botanischen Garten, den Wasserfall inmitten der Stadt und staunen über die Ruinen der großen Festung Nariqala aus dem dritten Jahrhundert. In unserem Hostel fühlen wir uns sehr willkommen und mehr wie in einer Wohngemeinschaft mit Leuten aus Belgien, Ägypten, Georgien und dem Iran. Unsere Neugierde wächst die vielfältige Natur zu erforschen in den Bergen wandern zu gehen.

Ein paar Tage später freuen wir uns sehr auf Besuch aus der Heimat: Marina & Ferry haben Georgien als Urlaubsort gewählt und so kreuzen sich unsere Wege und wir brechen zu viert nach einem musikalischen Abend begleitet von dem selbstgemachten Wein und Chacha des Hostelbesitzers zu einem sensationellen Roadtrip quer durchs Land auf. Wir wandern durch eine 75 Meter tiefe Höhle und besuchen eine vielfach so tiefe Schlucht, auf deren ins freie ragenden Plattform wir mit weichen Knien stehen. Wir futtern uns durch georgische Spezialitäten und als es abends um die Schlafplatzsuche geht, läd uns die Köchin aus einem kleinen Familienrestaurant im Grünen kurzum zu sich nach Hause ein. Wir lernen die gesamte Familie kennen und bei herzlicher Gastfreundschaft verbringen wir einen unvergesslichen Abend, bevor wir uns auf den Weg in die Berge machen.

Nach einer mehrstündigen holprigen Fahrt über die unbefestigten Straßen kommen wir im Bergdorf Mestia an und lernen hautnah georgische Volksmusik in einem kleinen Cafe kennen, performt von drei Männern die die typisch georgische Laute “Panduri” spielen und dazu mehrstimmig singen. Am nächsten morgen fahren wir weiter nach Uschguli, dem höchst gelegenen dauerhaft besiedelten Dorf Europas, wo es im Winter monatelang bis zu -30 Grad Celsius sein kann, bei Tiefschnee und unbefahrbaren Straßen. Kühe und Wildpferde auf der Fahrbahn sind in Georgien keine Seltenheit und wir machen eine Wanderung in die Nähe des Gletschers, vorbei an vielen für die Region charakteristischen Wehrtürmen aus dem 12. Jahrhundert. Wir sind umgeben von einer bunt blühenden Landschaft: Kuckuckusblumen, Rhododendron, Lilien und andere Blüten sorgen für einen süßlich frischen Duft, umrahmt von den weiß leuchtenden, schneebedeckten Bergen des großen Kaukasus, der seine bis zu 5000 Meter hohen Gipfel in den Himmel reckt. Wir können uns an diesem Anblick kaum satt sehen, machen uns aber ein paar Tage später trotzdem wieder auf den Weg zurück ins Landesinnere, Georgien hat schließlich noch so viel mehr zu bieten… 

 

von abschieden und wiedersehen

Wir haben bei Hüseyin auf der Insel Cunda doch noch mehr Zeit verbracht, als zuerst geplant. Wir haben seine kleinen weißen Segelboote in Trimarane umgewandelt, Löcher gefüllt, die Boote neu lackiert und mit Namen versehen. Anschließend haben wir sie mit einem Anhänger zur Bucht transportiert, das Segel am Mast befestigt und an einem sehr windigen Tag durften wir alleine mit dem Boot „Cakil“, was nach Hüseyins Tochter benannt ist, das erste Mal aufs Wasser. Uns ist das Herz in die Hose gerutscht, als der starke Wind uns über das Wasser gezerrt hat, aber nach ein wenig Ausprobieren hatten wir den Dreh raus wie wir Segel und Ruder richtig einsetzen und haben das Gefühl genossen, uns vom Wind ziehen zu lassen.

In den nächsten Tagen haben wir zusammen mit Hüseyins Freunden und seiner Familie Ausflüge zu den umliegenden Inseln unternommen, um dort ein „Barbekü“ oder ein Lagerfeuer zu machen und den Tag zu genießen. Mit den Motorrädern haben wir die Insel und Ayvalik erkundet, Hüseyins Motorradclub kennen gelernt und Ausflüge zu dem bunten und lebhaften Obst- und Gemüsemarkt gemacht. Abends haben wir oft lange draußen gesessen, geredet, Raki getrunken und musiziert und einmal ist sogar ein Fuchs in die Nähe des Hauses gekommen, den Hüseyin mit einem großen Stück Gemüsequiche gefüttert hat.

Ein besonderes Erlebnis war, Hüseyins Geburtstag zu feiern: nach einem unglaublich leckeren Menü mit gefüllten Weinblättern „Sarma“ und anderen türkischen Köstlichkeiten wurde musiziert, gesungen und getanzt. Der beste Freund von Hüseyin spielt das typisch türkische Streichinstrument Tambur und wir haben türkischen Volksliedern gelauscht, die von der ganzen Familie lautstark gesungen wurden. Schließlich haben wir sogar alle zusammen musiziert und mit der Mischung aus Ukulele, Tambur, Gitarre, Saxophon und Trommel einzigartige Versionen von „Piano Man“ und „Ein Kompliment“ kreirt.

Kurz bevor wir nach Rumänien aufgebrochen sind, hat Lisa aus Amerika unser „Bootsbauerteam“ ergänzt und wir hatten zur viert eine unvergessliche Zeit. Sie ist seit fünf Jahren immer mal wieder am reisen und hat unglaublich spannende Jobs in der Zeit gehabt und Dinge erlebt, die andere in 50 Jahren nicht erleben!

Aber trotz unserer schönen Erlebnisse merkten wir, dass es langsam Zeit wird aufzubrechen und zurück nach Rumänien zu trampen. Wir haben in den Wochen bei Hüseyin Pläne geschmiedet, wie unsere Reise weiter gehen soll und die Vorfreude, zurück zu unserem Kanu zu kommen, steigt.

Also haben wir unsere Rucksäcke gepackt, uns schweren Herzens verabschiedet und uns auf den Rückweg nach Rumänien gemacht. Innerhalb von zwei Tagen haben wir es geschafft, von Ayvalik zurück nach Cluj zu trampen, sind mit Traktoren, einem Bus, ein paar LKWs und vielen Autos gefahren und haben sogar eine Nacht in der Fahrerkabine eines LKWs verbracht. Die Freude war riesig als wir unseren Freunde aus Rumänien Judit, Guilhem, Roger und Zsuzsi wieder gesehen haben und wir freuen uns darauf, ein bisschen Zeit auf der Organic Art Ranch zu verbringen, bevor wir bald wieder auf der Donau das Paddel schwingen…