ab in die walachei

Die Zeit bei Roger & Zsuzsi auf der Organic Art Ranch war wieder einmal sehr schön und inspirierend und wir hatten mit den anderen Voluntären Alice, Roxanne, Louis, Antoine und Peter eine Menge Spaß, so dass wir länger geblieben sind als eigentlich geplant. Kringel hat mit Roger ein Dachfenster in das Dach der Scheune eingelassen, das Scheunendach verlängert und geholfen eine andere Scheune abzureissen um das Holz weiter zu verwenden, während ich im Gewächshaus geholfen, das hölzerne Waschbecken bemalt und mich in der Küche an Gerichte mit wilden Kräutern gewagt habe.

Obwohl wir uns in den Apuseni Bergen wieder sehr wohl fühlten, zog es uns Anfang April zurück nach Orsova zu unserem Kanu, was aus seinem Winterschlaf geweckt werden wollte. Wir machten auf unserer Reise zurück zur Donau einen Abstecher nach Timisoara, genossen die entspannte Atmosphäre der frühlingshaften Stadt mit den schönen Gebäuden und kamen am folgenden Tag erstaunt über die grüne Landschaft wieder beim Kanu an.

Am nächsten Morgen packten wir unsere sieben Sachen und beluden das Kanu, dann ging es begleitet mit Sonnenschein frohen Mutes los und wir genossen es, endlich wieder das Paddel in der Hand zu haben. Schon direkt am ersten Tag passierten wir das gewaltige Eiserne Tor und hatten Glück, dass wir nicht lange warten mussten und mit einem Frachter direkt in die Schleuse paddeln konnten. Ganze zwei Stunden später und mit einem Höhenunterschied von 34 Metern fuhren wir weiter. Der zweite Teil des Eisernen Tors wurde abends als es schon zu dämmern begann sogar nur für uns geöffnet. Wir fühlten uns mit unserer kleinen Nussschale winzig in der riesigen Schleuse, waren aber erleichtert darüber die letzte Schleuse der gesamten Tour hinter uns gebracht zu haben. Anschließend paddelten wir durch das Gebiet der Walachei, waren aber immer noch auf dem Grenzgebiet zwischen Bulgarien und Rumänien, was sich erst nach knapp 600 Kilometern änderte, wo wie Donau einen Schlenker nach Norden macht.

Jetzt sind wir seit zwei Wochen mit Fortwienix unterwegs und haben schon ungefähr zwei drittel der Strecke bis zum schwarzen Meer hinter uns gebracht. Endlich spüren wir wieder die Donau um uns herum, sind von Natur und dem gewohnten Plätschern des Wassers umgeben.Wir freuen uns morgens beim Aufstehen über das Vogelzwitschern und je näher wir dem schwarzen Meer kommen, desto mehr seltene Vögel entdecken wir entlang des Flusses. Die Kormorane brüten in Kollonien in den Bäumen, täglich sehen wir Storche, ausgefallen gemusterte Enten, sowie verschiedene Reiher, Kraniche und Gänse.

Wieder einmal sind es die Menschen, die uns so freundlich begegnen und unsere Reise auf der Donau zu etwas ganz Besonderem machen. Die Fischer auf dem Fluß grüssen uns freundlich und fragen uns, wo wir hin fahren; an der Schleuse bekommen wir Wasser geschenkt und auch bei der täglichen Kontrolle der Grenzpolizei entstehen nette Unterhaltungen. An Ostern treffen wir auf einen Mann, der uns an das Ufer heran winkt. Er schenkt uns Ostereier und läd uns auf ein Gläschen Wein in seinen Garten ein. Wir sind umgeben von vielen Hühnern, zwei Katzen, mehreren Ferkeln mit einer großen Sau, sowie seinem kleinen Hund Coco (der um einiges kleiner ist als eins der Hühner). Der Mann ist 80 Jahre alt und sagt, er braucht nicht viel Geld zum Leben, weil er schon am schönsten Ort auf der Welt lebt und glücklich ist. Beschwingt von dieser Einstellung (und auch ein bisschem vom Wein) fahren wir an diesem Tag weiter und geniessen abends ein frisches buntes Osterei zu unseren Nudeln.

von der duna zur dunav

Während wir nach einem langen Wochenende zwischen Buda und Pest durchpaddeln, bietet sich uns ein völlig anderer Blick auf die Stadt, den wir als gelungenen Abschluss einer schönen Zeit mit interessanten Kontakten und vielen Eindrücken sehr geniessen. Und zu dem Zeitpunkt ahnen wir auch noch nicht, was die nächsten Tage für uns Spannendes bereit halten…

Wir suchen uns kurz hinter der Stadt einen Lagerplatz und staunen am nächsten Morgen nicht schlecht, als es sich direkt vor unserem Zelt zwei Angler in der Frühe gemütlich gemacht haben. Sie sind schockiert darüber, dass wir das Donauwasser zum Kaffeekochen benutzen wollen und prompt bekommen wir Wasser, Weißbrot und einen frisch geangelten Fisch geschenkt. Wir unterhalten uns noch eine Weile mit Händen, Füßen und viel Zeichensprache mit dem Angler Joszéf und so viel Herzlichkeit und Freundlichkeit am frühen Morgen sorgen dafür, dass wir beschwingt in den Tag starten.

An der ungarischen Grenze, von wo aus die Donau die Grenze zwischen Kroatien und Serbien bildet, wird uns mitgeteilt, dass wir von nun an in jedem Land einen Einreise- und Ausreisestempel bekommen müssen, jedoch liegen die Zollstation bis zu 100km auseinander. Nachdem wir unseren Ausreisestempel in Ungarn bekommen haben, müssen wir 30km bis zur serbischen Station fahren. Hier werden 65 Euro Gebühr fällig, allerdings hatte die „Kasse“ schon geschlossen und wir sollen den Papierkram einfach in Novi Sad, 150km flussabwärts erledigen und währenddessen auf der kroatischen Seite übernachten, da wir ohne Einreisestempel nicht in Serbien schlafen dürfen. Gesagt, getan. Aber dann geht der ganze Spaß erst los: die kroatische Polizei hält uns auf dem Fluss an und erklärt uns, dass wir nicht in Kroatien übernachten dürfen, weil wir keinen kroatischen Einreisestempel haben. Wir sollen einfach auf der serbischen Seite bleiben und uns am nächsten Tag in der kroatischen Zollstation melden – 75km entfernt, was ziemlich viel ist, da die Donau zu dieser Zeit keine nennenswerte Strömung hat. Mittlerweile fühlen wir uns schon wie Verbrecher, nirgendwo geduldet und schlagen unseren Schlafplatz illergalerweise, versteckt hinter ein paar Büschen auf.

Am nächsten Tag liegt folglich eine lange Etappe vor uns und wir kommen in der kroatischen Zollstation abends im Dunkeln und bei Regen an. Nach einigem hin und her bekommen wir direkt Einreise- und Ausreisestempel und befinden uns aber wieder illegal zwischen Kroatien und Serbien, weil wir uns eigentlich noch am selben Tag in Novi Sad, Serbien melden müssten. Zwischen den beiden Orten liegen übrigens 80 km und wie toll der nächsten Tag war kann man sich jetzt denken… Das einzig Gute daran ist: Hier verläuft das Einchecken total unkompliziert, keiner will uns 65 Euro abknöpfen und wir bekommen den ersehnten serbischen Stempel. Wer bei diesem hin und her nicht mehr mitkommt – wir tun es auch nicht 😉

Nachdem alle Stempel auf den richtigen Papieren platziert sind, fahren wir an Sremski Karlovci vorbei und stoßen auf eine ziemlich tolle Einrichtung: Ein Eco Center mit Hostel und verschiedenen Projekten, was Umweltschutz und Nachhaltigkeit angeht. Die Mitarbeiter dort sind sehr freundlich und laden uns direkt zum Essen ein: typisch serbisches Paprikasch mit Brot, einen Rakija und als Nachtisch Apfelstrudel – alles von der Mutter einer der Mitarbeiter selbst gemacht und unglaublich köstlich. Wir machen eine Führung durch die Einrichtung und die nebenan liegende Sprachschule und haben einen richtig interessanten Tag.

Der Herbst kommt mit langen Schritten immer näher, färbt die Bäume gold-gelb und lässt die Abendsonne alles in ihr warmes Licht tauchen. Der Wind umspielt uns, nimmt zeitweise alle Gedanken mit sich und lässt nur Platz für freie Glückseligkeit. Viele Kilometer artenreicher Auwald säumen hier das Ufer und das Bild der Naturidylle wird nur von dem ganzen Müll gestört, der am Ufer angespült wird – dafür werden wir überall sehr freundlich empfangen und es entwickeln sich schnell interessante Gespräche mit Einheimischen. Die Temperaturen sorgen dafür, dass wir nicht mehr jeden Tag mit Vergnügen in die Donau springen, sondern nur widerwillig untertauchen beim Baden.

Am nächsten Morgen setzen wir unseren Weg nach Belgrad fort und da der Herbstwind günstig weht und Kringel in der Mittagspause zufällig eine Plane findet, baut er kurzerhand ein super funktionierendes Segel, was uns im Nu vorwärts treibt. Wir reiten so schnell über die schäumenden Wellen, dass es nur so in den Ohren rauscht und wir gar nicht so stark paddeln müssen.

Und dann ist er da. Kurz vor Belgrad: Kilometer 1190 – unser Kilometer-Bergfest! Es ist zwar schon dunkel, als wir ankommen, aber das Gefühl ist unbeschreiblich. Wir wissen, dass wir 1190000 Meter im Kanu mit unser eigenen Muskelkraft zurück gelegt haben. Wir sind von Deutschland nach Serbien, von Regensburg bis nach Belgrad gefahren in unserer Nussschale „Fortwienix“ – eine Strecke, die sich so weit anhört. Dieses Gefühl breitet sich wohlig warm im Bauch aus und macht uns fast ein wenig stolz und wir werden es in Belgrad ein wenig auskosten, während wir uns eine kleine Paddelpause gönnen um uns von den Strapazen der letzten Tage zu erholen…

 

von der donau zur duna

Die ersten Landesgrenzen haben wir nun endlich überschritten. Österreich durchpaddelten wir von Ost nach West, anschließend die Slowakei bevor sich die Donau nach Süden durch Ungarn schlängelt. Hatten wir doch oft das Gefühl in Deutschland und Österreich ist die Donau eingezwängt und gezähmt durch hohe Dämme und Staumauern, folgt mit dem Grenzübetritt in die Slowakei endlich das Gefühl auf welches wir so gespannt waren. Die Landschaft verändert sich, der Fluß ist nicht mehr eingeengt sondern hat eine natürliche Uferböschung, wir haben wieder das Gefühl von der Strömung ein wenig getragen zu werden und auch die Sprache ist anders. All das lässt das „Urlaubsgefühl“ welches sich in Deutschland und Österreich in den ersten Wochen eingeschlichen hat verschwinden und das Ausmaß der Reise wird uns mit jedem Meter deutlicher.

Nicht nur unser Gefühl ändert sich mit der Zeit, sondern auch die bevorstehende Herbstzeit mit den herabfallenden Blättern und das Rauschen des Laubs schleicht sich langsam ein, gab es doch schon den ein oder anderen Tag den wir nicht oberkörper frei auf dem Fluß paddeln konnten. Im Gegenzug mehren sich aber auch die Abende an denen wir uns am Feuer die Füße wieder aufwärmen.

Nach dem ersten Monat auf See steht die Rollenaufteilung in Kapitän und Smutje und die Arbeitsabläufe gehen Hand in Hand. Unsere täglich wachsenden Oberarme lassen den Bug von Fortwienix durch die Wellen pflügen und bringen uns mit rasender Geschwindigkeit dem schwarzen Meer entgegen.

Die traute Zweisamkeit wird immer weniger gestört je weiter wir gen Osten kommen. Die Angler am Ufer treten sich nicht mehr gegenseitig auf die Füße und dem Schiffsverkehr gehen wir so gut es geht aus dem Weg indem wir die künstlich angelegten Kanäle für Frachter und Fähren meiden und die natürlich laufenden Nebenarme benutzen. Dort gibt es besonders schöne Plätze zum Zelten, wir müssen nicht auf den kleinen Rand der Wiese neben dem Donauradweg ausweichen und können die Ruhe, das Zwitschern der Vogel und das Rauschen der Wellen ungestört geniessen.

Ganz anders ist es allerdings wenn wir durch größere Städte fahren. Da fallen uns umso mehr der Lärm, die Geschäftigkeit und der Trubel auf. Mit den letzten Besorgungen, die wir in Wien getätig haben, den vielen Eindrücken und besonders der Gastfreundschaft von Elena und Andy sind die Tage trotzdem verflogen. Wir haben den deutschsprachigen Raum verlassen um für ein paar Tage noch einmal die Ruhe und die Einsamkeit der Duna aufzusaugen bevor uns der Lärm, die Geschäftigkeit und der Trubel von Budapest wieder in ihren Bann nehmen.

die reise beginnt

Es wird einem erst richtig bewusst, dass es bald losgeht, wenn man anfängt Abschied zu nehmen: das letzte Mal Falafel essen, Familie & Freunde das letzte Mal sehen und drücken, das letzte Mal im heimischen Bett schlafen – ein mulmiges Gefühl, was sich kaum beschreiben lässt. Nachdem wir so lange darauf gewartet und so oft davon geredet haben, erscheint es unwirklich, dass nun der Punkt ist, an dem nun wirklich alles beginnt.

Der Wecker klingelt nach einer schlaflosen Nacht und mit gemischten Gefühlen steigen wir schlaftrunken in den Bulli, der uns samt Kanu zu unserem Startpunkt in Regensburg bringt.

Kilometer 2380. Mit den ersten Paddelstichen fällt auch der Stress der letzten Tage von uns ab, wir geniessen das Plätschern unter uns, bestaunen Regensburg mit seinen imposanten Domtürmen und einige Kilometer später Walhalla (einen griechischen Tempel hoch über dem Fluss) und ein großer Krähenschwarm fliegt über uns hinweg. Wir bleiben den ersten Abend auf einer kleinen Insel mittem auf dem Fluss, geniessen das noch ungewohnte Gefühl, das bisherige Leben für das Unterwegssein hinter uns gelassen zu haben und sortieren unser Gepäck neu.

Die Wellen der Fähren oder Frachtschiffe lassen uns das ein oder andere Mal das Herz in die Badehose rutschen, aber Fortwienix hält tapfer die Nase oben und trägt uns sicher den Fluss hinunter. In Deutschland sind viele Sportboote unterwegs, die bei dem heissen Wetter das Lenken für Kringel zur Herausforderung machen, weil ständig von allen Seiten Wellen auftauchen. Die einsamen Passagen des Flusses geniessen wir umso mehr. Kleine Fische umspielen unser Kanu, wir können einen Biber beobachten, der kraftvoll direkt neben uns ins Wasser springt und eine Eule fliegt fast lautlos eines abends über unseren Schlafplatz hinweg.

Morgens starten wir mit Beerenmüsli und selbst gepflückten, wunderbar süßen Äpfeln und Cowboykaffee in den Tag, während die ersten Sonnenstrahlen hinter den Bäumen hervor blinzeln. Wir paddeln den Tag über, machen unsere wohl verdiente Mittagspause (Erdnussbutterbrote mit Apfelscheiben und Studentenfutter) auf dem Fluss und abends fangen wir beim Baden im Flusswasser und Kochen die letzten Sonnenstrahlen ein. Müde von den vielen neuen Eindrücken des Tages fallen wir in unsere Schlafsäcke und träumen sogar schon manchmal von dem Schaukeln des Kanus, was uns den Tag über begleitet.

An den Schleusen hatten wir bisher schon einige Male das Glück, mit Frachtern oder Passagierschiffen durch die Schleusentore zu fahren und das Boot nicht mühsam umtragen zu müssen. Während wir mit einem kleinen Sportboot in der Schleuse warteten, haben wir die beiden interessierten Urlauber darin kennen gelernt und von ihnen einige Lebensweisheiten mit auf den Weg genommen.

Sogar ein paar dramatische Situationen haben bisher unseren Weg gekreuzt und dafür gesorgt, dass wir das Gefühl haben, schon viel länger als eine Woche unterwegs zu sein. Zu diesen gehören Wellen, die uns morgens unsanft wecken weil sie uns fast samt unseres Lager weg spülen; oder ein Angelhaken, der sich auf unglückliche Art und Weise in einem Bein verhakt; ein Gewitter, welches die Zeltwand bis auf unsere Nase drückt; die Erkenntnis, dass unser Bootswagen einen Platten hat und wir bei 30 Grad im Schatten eine kilometerlange Umtragestelle vor uns haben – nur ohne Schatten – bis hin zu experimentellen Methoden das Kanu umzutragen und sich dabei fast mehrere Rippen zu brechen.

Im Kontrast dazu stehen aber auch die vielen wunderschönen Momente und Menschen denen wir auf Reisen begegnen und vor allem das Gefühl unterwegs zu sein und sich nicht mehr Gedanken machen zu müssen als was wir abends gerne essen möchte oder an welchem Ort wir unser Zelt aufbauen möchten. Deshalb haben wir uns auch für die „einfache“ Art des Reisens entschieden.

Auch wenn es erst 2 Wochen sind, lernt man die Kleinigkeiten wieder zu schätzen und merkt wie wenig es doch braucht. Seien es die frisch gepflückten Brombeeren im Frühstücksmüsli oder ein Stück von der verbliebenen Nuss-Krokant Schokolade nach einem anstrengendem Tag auf der Donau.

Inzwischen haben wir die ersten 420km hinter uns und Zeit gefunden die ersten Zeilen zu schreiben, da wir durch einen Dauerregen im Zelt gefangen gehalten werden. In 5-6 Tagen erreichen wir hoffentlich Wien, von wo aus es dann nicht mehr weit bis zum Balkan ist.

Gut Pfad!